Chemiebaukasten früher und heute: was im Kasten lag und was davon blieb

Diese Seite schätzt keine Sammlerstücke und rät zu keinem alten Kasten. Sie beantwortet eine engere Frage: Was lag früher in einem Chemiebaukasten, was liegt heute darin — und welche Regel hat jeweils den Unterschied gemacht? Wer nur den Kasten mit dem Uran sucht, findet ihn weiter unten, als das, was er war: eine Ausnahme.
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Inhaltslisten von vier Kosmos-Generationen aus Museumsbestand und Sammler-Wiki gegen den heutigen Chemielabor C1000 gehalten, zwei Kästen aus der DDR, die USA und Großbritannien ergänzt, die Spielzeugrichtlinien von 1988 und 2009 und acht Ausgaben der Norm EN 71-4 ausgewertet. Stand 3. Oktober 2026.

Woher die Inhaltslisten stammen

Für 1928 stützt sich diese Seite auf die Objektbeschreibung des Schulmuseums Friedrichshafen, für die DDR auf das DDR Museum Berlin. Die Kosmos-Listen von 1968, 1970 und 1976 stammen aus dem ee-wiki, einem Wiki von Sammlern, die Auflagen und Inhalte aus den Originalhandbüchern abschreiben. Die Listen von 1970 und 1976 tragen dort einen Prüfvermerk, die von 1968 den Hinweis, dass sie noch zu prüfen ist; wir nennen das an jeder Stelle, an der wir sie verwenden. Den heutigen Kasten beschreibt die Produktseite des Herstellers.

Ein Archiv von Kosmos haben wir nicht eingesehen, und Mengenangaben aus alten Listen sind so genau wie die Abschrift, aus der sie stammen. Nach welchen Regeln wir Quellen gewichten, steht auf der Seite zu unserem Vorgehen.

1928, 1968, 1976, 2026: vier Kästen nebeneinander

Die kürzeste Antwort auf die Frage, was früher anders war, ist eine Gegenüberstellung. Vier Kästen desselben Verlags, zwischen acht und fünfzig Jahren auseinander, zeigen den Weg: von 42 Chemikalien im Jahr 1928 über gut 40 Stoffe im Kasten und elf weitere zum Selbstkaufen im Jahr 1968, 27 Stoffe plus 26 zum Selbstkaufen im Jahr 1976 bis zu sieben Chemikalien mit zusammen 48,5 Gramm im heutigen Chemielabor C1000.

1928

Kosmos Baukasten Chemie, Stück im Schulmuseum Friedrichshafen

Stoffe
42 Chemikalien, darunter Benzol, Jod, Salpetersäure, Kupfersulfat, Eisenpulver
Versuche
600
Wärmequelle
keine Angabe in der Objektbeschreibung
Schutzbrille
keine Angabe
Warnsatz
noch keine europäische Pflicht
Beleg
Schulmuseum Friedrichshafen

1968

Kosmos Baukasten Chemie, Anleitung „Erlebte Chemie“, 11. Auflage

Stoffe
gut 40 Stoffe im Kasten, 11 laut Anleitung selbst zu beschaffen, 9 leere Gläser für eigene Präparate
Versuche
keine Zahl in der Inhaltsliste
Wärmequelle
Spirituslampe mit Kochergestell, Dreifuß und Drahtnetz
Schutzbrille
nicht in der Geräteliste
Warnsatz
noch keine europäische Pflicht
Beleg
ee-wiki, Liste mit Vermerk „noch prüfen“

1976

Kosmos Chemie-Labor C1, 7. Auflage

Stoffe
27 Stoffe im Kasten, 26 laut Anleitung selbst zu beschaffen, darunter 5 Säuren und Laugen
Versuche
Versuchsnummern bis 393 (Zählung der 6. Auflage)
Wärmequelle
Spiritusbrenner, Dreifuß, Drahtnetz
Schutzbrille
verlangt, aber nicht enthalten
Warnsatz
noch keine europäische Pflicht
Beleg
ee-wiki, geprüfte Liste

2026

Kosmos Chemielabor C1000

Stoffe
7 Chemikalien mit zusammen 48,5 Gramm, dazu 3 Stoffe aus Apotheke und Küche
Versuche
125
Wärmequelle
keine Flamme in der Inhaltsliste; Batteriefach für einen 9-Volt-Block
Schutzbrille
enthalten
Warnsatz
„Nicht geeignet für Kinder unter 10 Jahren …“, Pflicht seit 1990
Beleg
Kosmos-Produktseite

Drei Dinge fallen beim Lesen der vier Spalten auf. Erstens schrumpft die Zahl der Stoffe nicht gleichmäßig, sondern in Stufen: Zwischen 1928 und 1976 bleibt sie hoch, danach fällt sie auf einen Bruchteil. Zweitens verschwindet eine ganze Kategorie, die heute kaum jemand mehr kennt — die Stoffe, die laut Anleitung nicht im Kasten lagen, sondern in Drogerie oder Apotheke besorgt werden sollten. 1976 waren das 26 Positionen, darunter Benzol, Formaldehyd und konzentrierte Säuren. Heute sind es drei: eine 3-prozentige Wasserstoffperoxid-Lösung, eine Iod-Lösung mit höchstens 2,5 Prozent und Natron.

Drittens kommt etwas hinzu, das es vorher nicht gab: ein vorgeschriebener Satz auf dem Karton. Eine europaweite Pflicht, Mindestalter und Aufsicht auf die Packung zu schreiben, gilt seit dem 1. Januar 1990. Die Wärmequelle zeigt eine eigene Entwicklung — von der Spirituslampe der 1960er-Jahre zu einem heutigen Kasten, dessen Inhaltsliste keine Flamme mehr nennt, dafür ein Batteriefach. Wer wissen will, welche Regel welchen Schritt ausgelöst hat, findet sie in der Zeitleiste und den Abschnitten zu 1988, 1990 und 2011.

Kästen oben, Regeln unten: die Zeitleiste

Die Zeitleiste trennt zwei Spuren, die in Erinnerungen und Forenbeiträgen meist durcheinandergehen. Über der Achse stehen Kästen, unter ihr Regeln. Die Säulen in der Mitte zeigen für die vier Zeitpunkte, wie viele Stoffe im Kasten lagen und wie viele die Anleitung zusätzlich verlangte.

um 1790 Göttling: Probier-Kabinett2026 C1000: größter Chemiekasten im Kosmos-Shop2011 Chemielabor C1000, 1. Auflage1926 Kosmos Baukasten Chemie, 600 Versuche1950 Gilbert U-238 (USA), zwei Jahre im Handel1958 DDR: Der kleine Chemiker, 56 Versuche1970 C1 ersetzt den Baukasten Chemie1989 C30004241 + 1127 + 267 + 31988 Spielzeugrichtlinie: Warnsatz wird Pflicht1990 erste EN 71-4 für Chemiekästen1998 · 2003 · 2007 Änderungen A1 bis A32009 neue Richtlinie, CMR-Verbot ab 2011/20132013 Neuausgabe EN 71-42021 EN 71-4:2020, Lebensmittelzusatzstoffe erlaubt2025 A1: Kaliumpermanganat nur als Gemisch2026 A1 harmonisiert · 2030 SpielzeugverordnungStoffe im Kastenlaut Anleitung selbst zu beschaffenKastenRegel oder Norm
Eigene Darstellung. Kästen nach Schulmuseum Friedrichshafen, DDR Museum Berlin, ee-wiki und Wikipedia; Stoffzahlen 1968 und 1976 nach den Inhaltslisten im ee-wiki (1968 dort als ungeprüft markiert), 2026 nach der Kosmos-Produktseite des C1000; Regeln nach EUR-Lex, DIN Media und SGS. Achse vor 1920 verkürzt.

Zwei Beobachtungen lassen sich an der Grafik ablesen, ohne dass man den Text kennt. Die Säulen von 1968 und 1976 sind fast gleich hoch, aber unterschiedlich gefüllt: Der C1 von 1970 hat weniger Stoffe in den Kasten gelegt und mehr in die Einkaufsliste verschoben. Und unter der Achse beginnt die Spur der europäischen Regeln erst 1988 — gut sechzig Jahre nach dem ersten Kosmos-Kasten. Alles, was davor im Karton lag, stand dort ohne eine Vorschrift, die eigens für Chemiekästen geschrieben war.

Vor dem Spielzeug: Probier-Kabinett und Reiselabor

Der Chemiebaukasten ist älter als das Kinderzimmer, in dem er später stand. Der Chemiker Johann Friedrich August Göttling beschrieb ein „Vollständiges chemisches Probir-Cabinet“, einen tragbaren Kasten mit Reagenzien zum Prüfen von Stoffen; 1791 erschien eine englische Übersetzung als „portable chest of chemistry“. Die englischsprachige Wikipedia nennt als Zielgruppe Chemiker, Ärzte, Mineralogen, Hüttenleute und Landwirte — Erwachsene mit einem Beruf, nicht Kinder mit einem Nachmittag.

In London verkaufte Friedrich Accum tragbare Chemiekästen samt Nachfüllmaterial, in Glasgow bot John J. Griffin & Sons ab den späten 1850er-Jahren „chemical cabinets“ in zuletzt elf Kategorien an, unter anderem für Lehrer und Studenten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tauchen in England chemische Zauberkästen für Kinder auf, mit Feuerwerk, Geheimtinte und Farbwechseln. Ein amerikanisches Lexikon von 1897 hält solches „chemistry toy“ für vermutlich gefährlicher als lehrreich.

Das Schulmuseum Friedrichshafen fasst den Übergang knapp zusammen: Die ersten Chemie-Experimentierkästen entstehen gegen Ende des 18. Jahrhunderts, beliebt werden sie erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Wer der Vorgeschichte genauer nachgehen will, findet sie in Florian K. Öxlers Monografie „Vom tragbaren Labor zum Chemiebaukasten“, die 2010 in der Reihe „Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie“ erschienen ist.

Für die Frage dieser Seite ist die Vorgeschichte mehr als eine Fußnote. Sie erklärt, warum die ersten Kästen für Kinder so aussahen, wie sie aussahen: wie verkleinerte Labore für Erwachsene, mit Reagenzglas, Glasrohr, Säure und Lauge. Der Kasten für ein neunjähriges Kind mit einer Handvoll Lebensmittelzusatzstoffen ist dagegen eine sehr junge Erfindung.

Baukasten Chemie, Erlebte Chemie, C1: Kosmos in Auflagen

Kein anderer Chemiebaukasten lässt sich in Deutschland so lückenlos verfolgen wie der von Kosmos, weil Sammler die Auflagen der Anleitungen verzeichnet haben. Laut Schulmuseum Friedrichshafen bot der Stuttgarter Verlag seit 1922 Experimentierkästen an, zuerst zur Elektrotechnik, später zu Radio und Funk und 1926 zur Chemie. Die erste Auflage der Anleitung zum „Kosmos-Baukasten Chemie“ datiert das ee-wiki auf 1926, die zweite auf 1927, die dritte auf 1928.

Bis 1938 folgen zwei weitere Auflagen, dann eine Pause bis 1948. Von da an heißt die Anleitung „Erlebte Chemie“: sechste Auflage 1948, siebte 1953, achte 1958, neunte 1961, zehnte 1965, elfte 1968. Die Zahl der Versuche gibt das Sammler-Wiki für die erste und fünfte Auflage mit 600 an, für die siebte von 1953 mit 800. Parallel lief der „Allchemist“, ein zweiter Kosmos-Chemiekasten, dessen Anleitung von 1931 bis in die 1970er-Jahre in mehr als zwanzig Auflagen erschien.

Ab 1970 ersetzte das Chemie-Labor C1 den alten Baukasten Chemie; bis 1987 zählt das ee-wiki 17 Auflagen der C1-Anleitung. 1974 kam der C2 als Ergänzung dazu, 1989 der C3000 mit 360 Versuchen, 1990 der C4000 und die Reihe C1000/C2000. Die Auflage des C3000 von 2007 nennt 385 Versuche. 2011 erschienen neue Ausgaben als Chemielabor C1000, C2000 und C3000, 2019 die dritte Auflage des C1000.

Heute ist von dieser Reihe ein Kasten übrig. In der Rubrik „Chemie“ des Kosmos-Shops standen am 3. Oktober 2026 acht Produkte, darunter fünf Kästen mit Schleim, Glibber, Blasen und Leuchteffekten, ein „Big Fun Chemistry“ und die beiden Chemielabore C500 und C1000. Ein C2000 oder C3000 ließ sich über die Shop-Suche nicht finden. Der größte Kosmos-Chemiekasten des Jahres 2026 trägt damit die kleinste Nummer der Reihe von 1990.

1928: zweiundvierzig Chemikalien und sechshundert Versuche

Das Schulmuseum Friedrichshafen besitzt einen Kosmos-Chemiebaukasten, den es auf das Jahr 1928 datiert, mit Einschränkung: vermutlich aus diesem Jahr. Seine Beschreibung ist die genaueste öffentlich zugängliche für einen Kasten dieser Zeit. Er enthält 42 Chemikalien für 600 Experimente, dazu Reagenzgläser, Glasrohre und Glasstäbe. Ein Handbuch liegt bei, mit einer genauen Anleitung zu jedem Versuch.

Unter den Chemikalien nennt das Museum Benzol, Jod, Eisenpulver, Traubenzucker, Kupfersulfat, Salpetersäure und Calciumphosphat, dazu Lackmuspapier als Indikator für Säure und Base. Als Beispiel für einen Versuch führt es die Untersuchung von Milch und ihre Zerlegung in einzelne Bestandteile an. Das Museum betont, dass solche Kästen vor allem in der Schule als Lehrmittel dienten — dieser hier stand aber nicht im Fachraum, sondern wurde verkauft.

Zwei Stoffe aus dieser kurzen Liste würden heute in keinem Kasten mehr liegen. Benzol ist in der GESTIS-Stoffdatenbank als krebserzeugend der Kategorie 1A eingestuft, der höchsten Stufe; Salpetersäure verursacht schwere Verätzungen und ist beim Einatmen lebensgefährlich. Jod lag 1928 als Stoff im Kasten; heute verlangt der C1000 eine Iod-Lösung von höchstens 2,5 Prozent aus der Apotheke, zugekauft und nicht beigelegt.

Bemerkenswert ist, was neben diesen Stoffen in derselben Liste steht. Kupfersulfat und Lackmus finden sich fast hundert Jahre später im C1000 wieder, Eisenpulver und Traubenzucker sind harmlose Alltagsstoffe. Der Kasten von 1928 war kein Giftschrank, sondern eine Mischung aus Stoffen, die heute noch beiliegen, und solchen, die seither aus guten Gründen verschwunden sind. Gedacht war er laut Museum für Kinder und Jugendliche; ein Mindestalter nennt die Beschreibung nicht.

1968: der Kasten, die Einkaufsliste und neun leere Gläser

Für die elfte Auflage von „Erlebte Chemie“ aus dem Jahr 1968 hat das ee-wiki eine vollständige Inhaltsliste mit Mengen abgeschrieben, versehen mit dem Vermerk, dass sie noch zu prüfen ist. Sie umfasst 63 Zeilen. Davon sind elf ausdrücklich als „nicht enthalten“ markiert — diese Stoffe sollte der Käufer selbst besorgen. Neun weitere Gläser lagen leer im Kasten; ihr Inhalt entstand erst im Lauf der Versuche aus den Grundstoffen. Übrig bleiben gut 40 Stoffe, die gefüllt im Karton lagen.

Die Mengen sind für heutige Augen groß. Rund 35 Gramm Kaliumpermanganat, etwa 40 Gramm Kalziumkarbid, 100 ml Natronlauge mit 25 Prozent, ungefähr 30 Gramm Natriumcarbonat, rund 5 Gramm roter Phosphor, dazu Kalziummetall, Bleiglätte und Anilinhydrochlorid. Die großen Schnappdeckelgläser maßen laut Abschrift etwa 115 mm bei 22 mm Durchmesser und fassten ungefähr 28 ml; die kleinen Röhrchen etwa 54 mm bei 10 mm und rund 3,5 ml.

Die elf Stoffe zum Selbstkaufen sind die eigentliche Überraschung. Darunter stehen Ammoniakwasser mit 24 Prozent, Benzol, Iod, Kaliumdichromat, Methanal mit 40 Prozent — also Formaldehyd —, Salpetersäure und Schwefelsäure mit je 30 Prozent sowie Silbernitrat. Der Verlag legte diese Stoffe nicht bei; die Anleitung ging davon aus, dass sie anderswo zu bekommen waren.

Zur Ausstattung gehörten eine Spirituslampe mit Kochergestell, ein Dreifuß mit Drahtnetz, ein Waagebalken mit zwei Bügeln für die Waagschalen, eine Lötrohrspitze, ein Blauglas und je 30 Streifen blaues und rotes Lackmuspapier. Eine Schutzbrille steht nicht in der Geräteliste. Das Ganze erinnert eher an ein Schulpraktikum als an ein Spielzeug, verpackt für den Schreibtisch zu Hause.

Die Röhrchen waren nummeriert, und die Nummern verraten die Ordnung des Kastens. Laut Abschrift tragen die großen Schnappdeckelgläser die Nummern bis 73, die kleinen Röhrchen die höheren. In den großen lagen die Grundstoffe, von denen eine Anleitung mit hunderten Versuchen viel verbrauchte; in den kleinen nur wenige Gramm von Stoffen für einzelne Nachweise, etwa Kobaltnitrat, Alizarin oder Silberoxid. Die Nummern beziehen sich laut Abschrift auf die Röhrchen im Handbuch; wer nachfüllen wollte, fand dort, welcher Stoff in welches Glas gehörte.

1970: der C1 und die Liste der Stoffe zum Selbstbesorgen

Mit dem Chemie-Labor C1 begann Kosmos 1970 neu, und die Inhaltslisten der ersten Jahre tragen im ee-wiki einen Prüfvermerk. Für die Auflagen eins bis sechs von 1970 bis 1975 zählt die Liste 35 Positionen. Fünf davon sind leere Behälter für Säuren und Laugen — Ammoniakwasser 24 Prozent, Natronlauge 25 Prozent, Salpetersäure 30 Prozent, Salzsäure 20 Prozent, Schwefelsäure 30 Prozent —, die der Käufer selbst füllen sollte. Drei weitere Gläser lagen leer bei. Gefüllt im Kasten waren 27 Stoffe.

Dazu kommt eine zweite Liste mit 20 Stoffen, die nicht enthalten waren und „nach Häufigkeit der Verwendung“ sortiert sind. An ihrer Spitze stehen Formaldehyd als 30- bis 40-prozentige Lösung, festes Natriumhydroxid, Benzol, konzentrierte Ameisensäure und konzentrierte Salzsäure. Weiter unten folgen Methanol, Aceton, Naphthalin, Petroläther und Terpentinöl. Wer alle Versuche machen wollte, brauchte also neben dem Kasten einen kleinen Chemikalienhandel.

Die Kapitelüberschriften der Anleitung zeigen, wohin die Reise ging. Eines heißt „Chlor — das Giftgas aus dem Kochsalz“, ein anderes „Vom Benzol zum Teerfarbstoff“, ein drittes „Aus der Welt der Kunststoffe“. In Versuch 393 entsteht Bakelit, in Versuch 348 Kunsthonig. Der C1 war ein Lehrgang durch die anorganische und organische Chemie, mit Versuchsnummern bis knapp unter 400.

Ab der siebten Auflage 1976 änderte Kosmos das Gerät: ein neues Stativ, ein Doppellöffel zum Abmessen fester Stoffe, ein überarbeiteter Spiritusbrenner. Die Stoffliste blieb fast gleich; 27 Stoffe im Kasten, 21 Stoffe plus fünf Säuren und Laugen zum Selbstkaufen. Neu ist ein Vermerk beim Kaliumpermanganat: Es sei irgendwann mit Natriumsulfat gestreckt worden und heiße dann „Zubereitung“. Das ist eine Spur, die bis zur Norm von 2025 führt.

Ganz allein stand der C1 nicht. Das ee-wiki führt eine französische Ausgabe, den „Laboratoire de chimie C1“ mit Anleitung und Teilen von Kosmos in einem eigenen Karton, und zitiert aus der sechsten Auflage von 1974 den Hinweis, die französische Ausgabe sei mit dem „Oscar du jouet“ ausgezeichnet worden. Ab 1974 ließ sich der C1 mit dem C2 erweitern, den die Anleitung als Chemiekasten für höchste Ansprüche ankündigte. Die Reihe war damit ein System aus Grundkasten und Ausbau, wie es heute bei Elektrokästen üblich ist.

Die Schutzbrille kam vom Optiker

Kaum ein Detail zeigt den Wandel so deutlich wie die Schutzbrille. Die Anleitung des C1 aus den Jahren 1970 bis 1975 verlangt sie ausdrücklich: Bei allen Versuchen sei eine Brille zum Schutz der Augen zu tragen, im Industrielabor verlange man das selbst vom erfahrenen Chemiker. Mitgeliefert wurde sie trotzdem nicht. Die Begründung steht laut Abschrift im ee-wiki gleich daneben: Die Brille müsse der individuellen Kopfform angepasst sein. Man erhalte sie in Optikergeschäften.

In der Liste der siebten Auflage von 1976 ist die Begründung mit der Kopfform verschwunden, der Verweis auf den Optiker nicht. Die Brille ist weiterhin Pflicht und weiterhin nicht im Karton. In der Geräteliste der „Erlebten Chemie“ von 1968 taucht sie gar nicht auf. Über Jahrzehnte war der Augenschutz damit eine Empfehlung, deren Umsetzung bei den Eltern lag — und beim Weg in ein Fachgeschäft.

Heute ist das umgekehrt geregelt. Die Norm EN 71-4 enthält einen eigenen Abschnitt zum Augenschutz, und der Kosmos C1000 führt die Schutzbrille in seiner Inhaltsliste. Seit der Ausgabe von 2020 muss ein Augenschutz laut Änderungsvermerk bei DIN Media auch in Kästen zur Erzeugung von Kohlendioxid liegen, wenn diese Stoffe enthalten, die mit dem Ätz-Piktogramm gekennzeichnet werden müssen. Die Brille ist vom Zubehör zum Pflichtbestandteil geworden.

Eine Lücke ist geblieben, und sie ist im Grunde die alte: Für den Erwachsenen, der zusieht, liegt meist keine Brille bei. Der Warnsatz auf den Kosmos-Chemiekästen sagt das offen — Augenschutz für überwachende Erwachsene ist nicht eingeschlossen. Wer heute mit seinem Kind experimentiert, steht damit vor derselben Frage wie Eltern im Jahr 1970, nur für die eigene Brille statt für die des Kindes. Wie die Kästen von heute damit umgehen, steht ausführlicher in unserem Vergleich aktueller Chemiekästen.

Jena und Rudolstadt: Chemie für das Chemieprogramm

Im Osten Deutschlands entstand nach dem Krieg eine eigene Linie, und sie hatte einen politischen Auftrag. Das DDR Museum Berlin beschreibt ihn an seinem Exemplar des Experimentierkastens „Der kleine Chemiker“: In den 1950er-Jahren setzte die Wirtschaftspolitik der DDR große Hoffnungen in die Chemieindustrie. Unter dem Slogan „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit“ sollte das Chemieprogramm der SED die Wirtschaft modernisieren, mit dem Zentrum im heutigen Sachsen-Anhalt und Erdöl aus der Sowjetunion.

Dafür brauchte das Land Chemiker. Das Fach wurde in Schulen, Fachschulen und Universitäten ausgebaut, und junge Menschen sollten sich schon in der Freizeit damit beschäftigen. „Der kleine Chemiker“ kam vom Privatbetrieb Friedrich Bachmann & Co. in Jena. Zum Weihnachtsgeschäft 1958 warb die DDR-Presse ausdrücklich für ihn, die Produktion ging an den VEB Kombinat Anker-Steinbaukasten in Rudolstadt. Bis 1963 lieferte das Kombinat laut Museum 40.000 Lehrspiele „Der Kleine Experimentator“ und „Der Kleine Chemiker“ aus, teils in stabilen Holzkästen mit Reagenzgläsern und Flaschen mit Chemikalien.

Der Kasten im Museum ist für 56 Versuche ausgelegt. Das ee-wiki führt ihre Titel auf, und sie folgen einem Schullehrplan: Kochsalz lösen, filtrieren und eindampfen, eine Destillation, Verbrennung von Kupfer, Eisen und Zink, Sauerstoff herstellen und nachweisen, Wasserstoff, Säuren, Basen und Salze. Das Heft beginnt mit „Liebes Mädel, lieber Junge!“ und endet mit dem Wunsch, das Interesse für das Fach Chemie zu wecken und das Lernen in der Schule zu unterstützen.

Der umfangreichere „Kleine Experimentator“ wurde laut ee-wiki von 1952 bis 1961 hergestellt; die zweite Auflage seines Hefts von 1960 enthält 135 Versuche. Die Chemikalienliste ist für einen Kasten mit so einfachen Geräten lang: Natronlauge, Salzsäure, Schwefelsäure, Kaliumpermanganat, Fehlingsche Lösung, Eosin und Fluorescein stehen darauf. Der Unterschied zum Westen lag, folgt man dem Museum, weniger im Inhalt als im erklärten Zweck: Der kleine Chemiker sollte auch Nachwuchs für eine Industrie gewinnen.

Auch die Ausstattung zeigt den Lehrmittelcharakter. Der Kleine Experimentator kam laut ee-wiki in einer robusten Holzkiste mit drei Abteilungen, ein Holzständer gehörte dazu. Die Geräte beschreiben die Sammler als einfach und übersichtlich, die Auswahl an Chemikalien als vergleichsweise groß. Der erste Versuch fragt, warum eine Kerze brennt; der letzte, der 135., lässt aus Kaliumaluminiumsulfat ein neues Aluminiumsalz herstellen. Dazwischen liegt ein Weg von der Luft über Sauerstoff bis zu den Salzen.

Chemcraft, Gilbert, Salter: der Blick über die Grenzen

In den USA prägten zwei Firmen das Bild. Die Brüder John J. und Harold Porter gründeten 1914 die Porter Chemical Company und verkauften zunächst abgepackte Chemikalien, dann unter dem Namen „Chemcraft“ chemische Zauberkästen; in den 1920er-Jahren waren es schon sechs verschiedene Sets. Alfred Carlton Gilbert, der als Medizinstudent mit Zaubertricks Geld verdient hatte, verkaufte ab 1917 Chemiekästen. Die Hersteller warben mit Clubs, Zeitschriften, Comics und Aufsatzwettbewerben und zielten offen auf spätere Berufe: Der Kasten sollte Chemiker hervorbringen.

Die englischsprachige Wikipedia hält fest, dass die Kästen fast ausschließlich für Jungen gedacht waren. Als Gilbert in den 1950er-Jahren ein Set in rosa Verpackung für Mädchen herausbrachte, nannte es die Käuferinnen „lab technicians“, nicht Wissenschaftlerinnen. Ein Kasten von 1958 trägt diesen Titel. Der DDR-Kasten aus Jena sprach im selben Jahrzehnt „Mädel“ und „Junge“ im ersten Satz an — ein kleiner Unterschied mit großer Aussage.

In Großbritannien nennt dieselbe Quelle die Kästen von Thomas Salter, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in Schottland gefertigt wurden, und danach die Marke „Merit“ in den 1970er- und 1980er-Jahren. Auch dort lagen Reagenzgläser mit trockenen Chemikalien im Karton. Ein eigener Weg wie in der DDR, mit staatlichem Auftrag und Kombinat, ist für Großbritannien nicht beschrieben; die Kästen waren dort ein Produkt von Spielwarenfirmen wie in den USA.

Den deutlichsten Unterschied zeigt der Niedergang. In den USA führten das Gesetz zur Kennzeichnung gefährlicher Stoffe von 1960, der Toy Safety Act von 1969, die 1972 gegründete Verbraucherschutzbehörde CPSC und das Chemikaliengesetz von 1976 zu neuen Auflagen; die Popularität der Kästen sank in den 1970er- und 1980er-Jahren. Gilbert gab 1967 auf, Porter 1984. Kosmos dagegen brachte 1970 den C1 heraus und 1989 den C3000. Wo in Amerika die Hersteller verschwanden, wurde in Deutschland umgebaut. Wer sehen möchte, wie eine andere Spielwarengattung ihre Kulturgeschichte pflegt, findet ein Beispiel bei der Jury-Auszeichnung für Brettspiele.

Uran im Karton: warum der Gilbert-Kasten die Ausnahme ist

Fast jede Unterhaltung über alte Chemiebaukästen landet irgendwann bei einem Kasten, der eigentlich gar keiner war: dem „Gilbert U-238 Atomic Energy Laboratory“. A. C. Gilbert brachte ihn 1950 heraus. Er enthielt einen batteriebetriebenen Geigerzähler, ein Elektroskop, ein Spinthariskop und eine Nebelkammer mit einer kurzlebigen Alphaquelle aus Polonium-210, dazu vier Gläser mit uranhaltigem Erz — Autunit, Torbernit, Uraninit und Carnotit — sowie ein Handbuch mit 60 Seiten.

Die Anleitung riet, drei der Erzgläser nicht zu öffnen, weil das Erz bröckle und sich im Labor verteilen könne. Eine Aktivität schlug vor, eine Strahlenquelle im Zimmer zu verstecken und mit dem Geigerzähler zu suchen. Das klingt nach Fahrlässigkeit, und ein Popkulturmagazin setzte den Kasten 2006 auf Platz zwei seiner Liste der gefährlichsten Spielzeuge. Die Fachzeitschrift IEEE Spectrum schätzte 2020 die wahrscheinliche Strahlenbelastung als minimal ein, solange die Proben in ihren Behältern blieben.

Für die Frage, was früher in Chemiebaukästen lag, taugt der Kasten trotzdem wenig. Er wurde nur 1950 und 1951 angeboten, und es wurden weniger als 5.000 Stück verkauft. Eine Kuratorin des Museum of Science and Industry in Chicago führt den Misserfolg laut Wikipedia auf den hohen Verkaufspreis zurück, nicht auf Sicherheitsbedenken der Zeit. Mit den Kosmos-Kästen, die in Westdeutschland über Jahrzehnte in Auflagen erschienen, hat er kaum etwas gemeinsam.

Warum er trotzdem zum Kultobjekt wurde, ist leicht zu sehen: Er passt in eine Erzählung, in der früher alles erlaubt war. Die eigentliche Szene hat sich anderswo gebildet. Die Sammler, die im ee-wiki Auflagen, Gerätelisten und Chemikalienröhrchen der Kosmos-Kästen verzeichnen, arbeiten nicht mit einem spektakulären Einzelstück, sondern mit Inventaren. Ohne ihre Abschriften ließe sich diese Seite nicht schreiben.

Bezeichnend ist, was dem Kasten an Druckwerk beilag. Neben dem Handbuch gehörten ein Comic dazu, in dem eine bekannte Zeitungsfigur erklärt bekommt, wie man das Atom spaltet, und eine Broschüre von 1949 der US-Atomenergiebehörde und des geologischen Dienstes zur Suche nach Uran. Gilbert schrieb später, die Regierung habe die Entwicklung unterstützt, weil der Kasten das öffentliche Verständnis der Atomenergie fördern sollte. Der Kasten war damit weniger Chemie als Werbung für ein Zeitalter.

Warum Kinder überhaupt Chemie spielen sollten

Dass Chemiebaukästen zu Beginn des 20. Jahrhunderts populär wurden, ist nach Darstellung des Schulmuseums Friedrichshafen kein Zufall. Es entstanden immer mehr große Fabriken, die chemische Stoffe herstellten — Farbstoffe, Kunstfasern, die ersten Kunststoffe, Arzneimittel. Kinder und Jugendliche sollten mit den neuen Wissenschaften vertraut werden. Zur selben Zeit kamen die Realschulen auf, die naturwissenschaftliche Fächer lehrten, die sogenannten Realien.

Drei Begründungen ziehen sich durch die Quellen dieser Seite, und sie unterscheiden sich nach Land und Jahrzehnt. Im Deutschland der 1920er-Jahre war es die Anschaulichkeit des Unterrichts und die Nähe zu einer wachsenden Industrie. In der DDR der 1950er-Jahre war es ausdrücklich der Bedarf an Fachkräften für ein politisches Programm. In den USA warben die Hersteller mit dem Berufsziel; die Wikipedia zitiert die Einschätzung, Chemiekästen seien vielleicht die ersten amerikanischen Spielsachen gewesen, die Eltern mit dem Versprechen verkauft wurden, ihr Kind für späteren Erfolg zu „verbessern“.

In der Beschreibung des C1000 steht keine dieser Begründungen. Die Produktseite spricht von der Chemie des Alltags, von Farbwechseln durch Essig und Trennmethoden für Filzstiftfarben, und davon, Spaß an der Chemie zu wecken. Der Kasten will Neugier wecken, keinen Beruf vorbereiten. Das ist ein Wandel, der in keiner Inhaltsliste auftaucht, aber zu einer Anleitung mit 125 Versuchen passt, wo die von 1953 noch 800 zählte.

Eine vierte Begründung tritt in den Quellen erst spät auf: Sicherheit als eigener Wert. Die US-Gesetze der 1960er- und 1970er-Jahre und die europäische Richtlinie von 1988 machen sie zum Maßstab, an dem sich auch der Inhalt eines Kastens messen lassen muss. Damit beginnt der Teil der Geschichte, der sich nicht mehr in Erinnerungen erzählen lässt, sondern in Paragrafen.

1988: der Satz mit dem Mindestalter

Am 3. Mai 1988 erließ der Rat der Europäischen Gemeinschaften die Richtlinie 88/378/EWG über die Sicherheit von Spielzeug. Die Mitgliedstaaten hatten sie bis Mitte 1989 in eigenes Recht zu übertragen und ab dem 1. Januar 1990 anzuwenden. Zum ersten Mal galt damit eine gemeinsame europäische Regel, die Chemiekästen ausdrücklich nennt: Als chemisches Spielzeug gelten hauptsächlich Kästen für chemische Versuche, Kästen für Kunststoff-Vergussarbeiten und Miniaturwerkstätten für Keramik, Email und Fotografie.

Anhang IV der Richtlinie schreibt für solches Spielzeug einen Satz auf der Verpackung vor: „Achtung! Nur für Kinder über … Jahren. Benutzung unter Aufsicht von Erwachsenen.“ Das Alter setzt laut Fußnote der Hersteller fest. Die Gebrauchsanweisung muss auf den gefährlichen Charakter der Stoffe hinweisen, die Vorsichtsmaßregeln nennen, Erste-Hilfe-Maßnahmen für schwere Unfälle anführen und darauf aufmerksam machen, dass das Spielzeug außer Reichweite von Kleinkindern gehalten werden muss.

Anhang II ging weiter und griff in den Inhalt ein. Spielzeug durfte keine Stoffe enthalten, die entflammbar werden, wenn nicht entflammbare Bestandteile verdunsten, und keine explosionsgefährlichen Stoffe. Chemische Spiele durften keine Stoffe enthalten, die im Gemisch durch Reaktion, Erhitzen oder Oxidationsmittel explodieren können, und keine flüchtigen Verbindungen, die mit Luft ein entflammbares oder explosives Gemisch bilden. Lösungsmittel dieser Art hatten damit im Karton keinen Platz mehr.

Der Satz mit dem Mindestalter steht bis heute auf jedem Chemiekasten, inzwischen in der Fassung der Richtlinie von 2009. Benzol, wie es 1928 im Kasten lag, hätte schon die Anforderungen von 1988 nicht erfüllt: Es ist leichtentzündlich und bildet mit Luft explosive Gemische. Wie die Altersangabe bei anderen Spielwaren zustande kommt, zeigt die Herkunft der Altersangabe auf Spieleschachteln.

Eine Unterscheidung aus Anhang I der Richtlinie ist für Chemiekästen bis heute wichtig. Die Liste der Erzeugnisse, die nicht als Spielzeug gelten, nennt unter anderem Produkte mit Heizelementen, die unter Aufsicht eines Erwachsenen zu didaktischen Zwecken verwendet werden sollen. Ein Lehrmittel für den Unterricht fällt damit aus dem Spielzeugrecht heraus, ein Kasten für das Kinderzimmer nicht. Seit 1988 entscheidet also auch die Bestimmung eines Produkts darüber, welche Regeln für seinen Inhalt gelten.

Acht Ausgaben einer Norm, 1990 bis 2025

Parallel zur Richtlinie entstand die Norm, die sagt, wie ein Chemiekasten im Einzelnen beschaffen sein muss. Ihr Entwurf erschien in Deutschland im Juli 1989, die erste Ausgabe als DIN EN 71-4 im November 1990 unter dem Titel „Experimentierkästen für chemische und ähnliche Versuche“. Sie zitiert die Richtlinie 88/378/EWG und wurde ihrerseits von der deutschen Chemikalien-Verbotsverordnung aufgegriffen, wie die Verweise bei DIN Media zeigen.

Die Ausgabe von 1990 wurde dreimal geändert: mit A1 im Juni 1998, A2 im Oktober 2003 und A3 im August 2007. Im Dezember 2009 und im Mai 2013 erschienen neue Ausgaben. Die Ausgabe vom März 2021 übernimmt die europäische Fassung von 2020 auf 38 Seiten, die vom Juni 2025 die Fassung von 2020 mit der Änderung A1 aus dem Jahr 2025, ebenfalls auf 38 Seiten. Zusammengezählt sind das acht Dokumente in 35 Jahren.

Was die Ausgaben verändert haben, lässt sich an der von 2021 ablesen, weil DIN Media den Änderungsvermerk veröffentlicht. Kombinierte Kästen — etwa Chemie und Kristallzucht in einem Karton — sind ausdrücklich ausgenommen. Die Tabellen mit Höchstmengen wurden an die heutigen Gefahrenpiktogramme angepasst. Chemiekästen dürfen nun Lebensmittelzusatzstoffe enthalten, wenn diese als reine Stoffe nicht als gefährlich eingestuft sind. Kindergesicherte Verschlüsse sind nur noch nach EN ISO 8317 zulässig.

Der Punkt mit den Lebensmittelzusatzstoffen zeigt eine Richtung, die sich auch am Inhalt ablesen lässt. Im heutigen C1000 liegt Zitronensäure, ein Stoff, der in keiner der Kosmos-Listen von 1968, 1970 und 1976 gefüllt im Kasten stand; Natriumcarbonat und Calciumhydroxid kennt man als Soda und Kalk. Der Kasten von heute ist nicht nur kleiner, er ist anders zusammengesetzt: weniger Laborchemikalien, mehr Stoffe, die auch außerhalb eines Labors vorkommen. Welche Aufgaben die Norm sonst hat, beschreibt unser Abschnitt über Warnsatz, Norm und Inhalt heutiger Kästen.

2011: was krebserzeugend ist, bleibt draußen

Die zweite große Zäsur kam mit der Richtlinie 2009/48/EG. Ihr Anhang II verbietet in Teil III, Nummer 3, Stoffe in Spielzeug, die nach der europäischen CLP-Verordnung als krebserzeugend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend eingestuft sind, und zwar in den Kategorien 1A, 1B und 2. Diese Stoffe heißen nach den englischen Anfangsbuchstaben CMR-Stoffe. Die Nummern 4 und 5 lassen eng gefasste Ausnahmen zu, etwa für unzugängliche Bestandteile oder Konzentrationen unterhalb bestimmter Grenzen. Die Richtlinie gilt seit dem 20. Juli 2011; für ihre chemischen Anforderungen ließ sie eine Übergangsfrist bis zum 20. Juli 2013.

Hält man die alten Listen gegen die heutige Einstufung in der GESTIS-Stoffdatenbank, wird sichtbar, was diese Regel bedeutet. Die Tabelle nennt acht Stoffe aus Kosmos-Listen der Jahre 1928 bis 1976, mit dem Ort, an dem sie in den Listen stehen, und ihrer heutigen Einstufung.

Acht Stoffe aus alten Kosmos-Chemiekästen, wo sie in den Listen stehen und wie sie heute eingestuft sind
StoffIn den alten ListenEinstufung heute (GESTIS)
Benzol1928 im Kasten; 1968 und 1970 laut Anleitung selbst zu beschaffenkrebserzeugend Kat. 1A (H350), erbgutverändernd Kat. 1B (H340)
Kaliumdichromat1968 und 1970 laut Anleitung selbst zu beschaffenkrebserzeugend 1B, erbgutverändernd 1B, fortpflanzungsgefährdend 1B (H350, H340, H360FD)
Formaldehyd (Methanal, 30–40 %)1968 und 1970 laut Anleitung selbst zu beschaffenkrebserzeugend 1B (H350), lebensgefährlich beim Einatmen (H330)
Blei(II)-nitrat1968: leeres Glas, Inhalt im Versuch hergestelltfortpflanzungsgefährdend 1A (H360Df), Verdacht auf Krebs (H351)
Anilin1968 als Anilinhydrochlorid im Kastengiftig bei Verschlucken, Hautkontakt und Einatmen; Verdacht auf Krebs (H351)
Salpetersäure 30 %1968, 1970 und 1976: leere Flasche, Säure selbst zu beschaffenschwere Verätzungen (H314), lebensgefährlich beim Einatmen (H330)
Roter Phosphor1968 rund 5 Gramm im Kastenentzündbarer Feststoff (H228)
Kaliumpermanganat1968 rund 35 Gramm im Kasten; im C1 ab einer späteren Auflage als Zubereitungfortpflanzungsgefährdend Kat. 2 (H361d); seit 2025 nur als Gemisch unter 3 %
Fundorte nach Schulmuseum Friedrichshafen (1928) und den Inhaltslisten im ee-wiki (1968, 1970, 1976); Einstufung nach der GESTIS-Stoffdatenbank, abgerufen am 3. Oktober 2026.

Benzol, Kaliumdichromat und Formaldehyd fallen unter das Verbot schon wegen ihrer krebserzeugenden Wirkung, Bleinitrat wegen seiner Einstufung als fortpflanzungsgefährdend der Kategorie 1A. Für Salpetersäure und roten Phosphor gilt es nicht; sie sind ätzend beziehungsweise entzündbar, und für solche Stoffe legt die EN 71-4 fest, ob und in welcher Menge sie beiliegen dürfen. Die Tabelle zeigt deshalb nicht, was „verboten“ ist, sondern was heute anders bewertet wird als damals.

Wichtig ist der Blick auf die Spalte mit den Fundorten. Mehrere der heikelsten Stoffe lagen 1968 und 1970 nicht im Kasten, sondern standen auf der Liste zum Selbstbeschaffen. Die Verantwortung für sie lag damit schon damals außerhalb des Kartons — bei Eltern, Drogerie und Apotheke. Die Richtlinie von 2009 schließt diese Lücke nicht, weil sie nur regelt, was im Spielzeug steckt. Die EN 71-4 in der Ausgabe von 2020 enthält dafür eine eigene Regel: für Stoffe, die die Anleitung nennt, die aber nicht im Kasten liegen.

Kaliumpermanganat: vom violetten Klassiker zur Zubereitung

Kein Stoff steht so durchgehend in den alten Listen wie Kaliumpermanganat. Der Kasten von 1968 enthielt laut Abschrift rund 35 Gramm, der C1 von 1970 führte ihn ebenso, der kleine Kosmos-Chemikus aus den 1970er-Jahren hatte ihn unter seinen zwölf Inhaltsposten, und auch der DDR-Kasten „Kleiner Experimentator“ listet ihn. Die tiefviolette Lösung, die schon eine Spur des Salzes in Wasser erzeugt, war für Generationen das Bild von Chemie schlechthin.

Die GESTIS-Stoffdatenbank stuft Kaliumpermanganat heute unter anderem als brandfördernd, ätzend, gesundheitsschädlich beim Verschlucken, sehr giftig für Wasserorganismen und als vermutlich fortpflanzungsgefährdend der Kategorie 2 ein, mit dem Gefahrenhinweis H361d. Kategorie 2 fällt unter das CMR-Verbot der Richtlinie von 2009. Damit war der reine Stoff in einem Spielzeug nicht mehr zu halten.

Die Änderung A1 der EN 71-4 hat das 2025 nachvollzogen. Nach Darstellung des Prüfdienstleisters SGS nimmt sie den reinen Stoff aus der Höchstmengentabelle der Chemiekästen heraus und lässt nur noch ein Gemisch mit Natriumsulfat zu, dessen Gehalt an Kaliumpermanganat unter 3 Prozent liegt. Seit dem 14. September 2026 ist diese Fassung der Norm als harmonisierte Norm zur Spielzeugrichtlinie im Amtsblatt gelistet.

Die Pointe liegt in der C1-Liste von 1976. Dort vermerken die Sammler, das Kaliumpermanganat sei „irgendwann“ mit Natriumsulfat gestreckt worden und heiße dann „Zubereitung“. Den Weg, den die Norm 2025 festschreibt — Kaliumpermanganat nur noch gestreckt mit Natriumsulfat —, ist Kosmos laut dieser Abschrift also schon einmal gegangen; wann und in welchem Verhältnis, sagt sie nicht. Der violette Klassiker ist nicht verschwunden, er ist verdünnt worden.

Fünf Stoffe und ein Reagenzglas: was jedes Jahrzehnt überstanden hat

Wer die Listen von 1928, 1968, 1970 und 1976 neben die des heutigen C1000 legt, sucht zuerst nach dem, was fehlt. Aufschlussreicher ist, was geblieben ist. Fünf Stoffe ziehen sich durch fast alle Listen dieser Seite, und sie bilden so etwas wie den Kanon des Chemiebaukastens — die Stoffe, ohne die ein Kasten in keinem Jahrzehnt ausgekommen ist.

An erster Stelle steht Kupfer(II)-sulfat. Das Schulmuseum nennt es für 1928, die Liste von 1968 mit rund 5 Gramm, die C1-Listen von 1970 und 1976 führen es, und im C1000 liegen heute 8 Gramm. Es liefert die blaue Lösung, die blauen Kristalle und den Kupferüberzug auf einem Eisennagel. Zweitens Kaliumhexacyanoferrat(II), das gelbe Blutlaugensalz: rund 4 Gramm 1968, enthalten 1970 und 1976, heute wieder 4 Gramm. Mit Eisensalzen ergibt es das tiefe Berliner Blau, einen klassischen Nachweis für Eisen.

Drittens Lackmus als Anzeiger für Säure und Lauge — 1928 und 1968 als Papier, 1968 mit je 30 Streifen in Blau und Rot, 1970 als blaues Papier, heute als 1 Gramm Pulver. Viertens Natriumcarbonat, die Soda: rund 30 Gramm 1968, enthalten 1970 und 1976, heute 12 Gramm. Fünftens Calciumhydroxid, der gelöschte Kalk, 1968 als leeres Glas für selbst hergestelltes Kalkwasser, 1976 als Stoff im Kasten, heute 8,5 Gramm. Nur 1970 steht statt seiner Calciumoxid in der Liste, der gebrannte Kalk, aus dem er entsteht.

Beim Gerät ist die Kontinuität noch größer. Reagenzgläser, eine Reagenzglasbürste, ein Trichter, Gummistopfen und ein Winkelrohr stehen 1968, 1970 und heute in den Listen. Der Doppellöffel zum Abmessen fester Stoffe kam 1976 in den C1 und liegt auch im C1000. Wer als Elternteil mit einem C1 groß geworden ist und heute den Karton des C1000 öffnet, erkennt mehr wieder, als die geschrumpfte Stoffzahl vermuten lässt.

Sechshundert, achthundert, hundertfünfundzwanzig: die Versuchszahl

Die Zahl auf dem Karton ist das bekannteste Maß eines Experimentierkastens, und die historische Reihe sieht dramatisch aus. Der Kosmos-Kasten von 1926 verspricht laut ee-wiki 600 Versuche, die siebte Auflage von 1953 schon 800. Der C1 der 1970er-Jahre zählt seine Versuche bis knapp unter 400, der C3000 kam 1989 mit 360 auf den Markt, in späteren Auflagen mit 400 und 2007 mit 385. Die englischsprachige Ausgabe des C3000 nennt die Wikipedia mit 387 Versuchen und einem Handbuch von 172 Seiten. Der C1000 von heute kommt auf 125.

Im Osten waren die Zahlen von Anfang an kleiner. „Der kleine Chemiker“ ist für 56 Versuche ausgelegt, der „Kleine Experimentator“ in der Auflage von 1960 für 135. Der kleine Chemiker wollte laut seinem Nachwort das Lernen in der Schule unterstützen, und seine Versuchsliste liest sich wie ein Lehrplan der ersten Chemiejahre.

Wie viel diese Zahlen über den Umfang eines Kastens sagen, ist offen. Eine Zählregel gab es zu keiner Zeit. Mal ist jeder Handgriff ein eigener Versuch, mal fasst eine Nummer eine ganze Reihe zusammen. Beim C3000 merkt das ee-wiki an, dass auf der Vorderseite einiger Auflagen 360 Versuche stehen, laut Handbuch aber 400 möglich sind. Dazu kommt bei den alten Kästen die Einkaufsliste: Ein Teil der Versuche setzte Stoffe voraus, die nicht beilagen — 1968 waren es elf, im C1 von 1970 rund zwei Dutzend.

Als Kaufkriterium taugt die Versuchszahl deshalb heute so wenig wie damals. Aussagekräftiger ist, wie viele Stoffe im Kasten liegen, wie viele die Anleitung zusätzlich verlangt und ob die Versuche aufeinander aufbauen. Diese drei Angaben lassen sich für alte wie für neue Kästen ermitteln — die erste aus der Inhaltsliste, die zweite aus der Zusatzliste der Anleitung, die dritte aus dem Inhaltsverzeichnis.

Was ein Kasten von heute besser macht als einer von 1968

Nostalgie neigt dazu, nur den Verlust zu zählen. Die Gegenrechnung fällt aber deutlich aus. Ein heutiger Chemiekasten nennt auf der Produktseite für jeden enthaltenen gefährlichen Stoff Menge, Gefahrenpiktogramm, Signalwort, Gefahren- und Sicherheitshinweise. Der Kosmos C1000 tut das für jeden seiner gefährlichen Stoffe, mit EG-Nummer und Gramm. Für den Kasten von 1968 kennen wir die Mengen nur, weil Sammler sie aus dem Handbuch abgeschrieben haben.

Hinzu kommen Dinge, die die EN 71-4 im Einzelnen vorschreibt und die in den Listen der 1960er- und 1970er-Jahre nicht auftauchen: kindergesicherte Verschlüsse an den Chemikalienbehältern, eine Inhaltsangabe mit Warnhinweisen und Erste-Hilfe-Informationen, eigene Ratschläge für die überwachenden Erwachsenen und Sicherheitsregeln in der Anleitung. Eine Schutzbrille liegt bei, statt beim Optiker gekauft werden zu müssen. Und eine Einkaufsliste mit Benzol und konzentrierten Säuren gibt es nicht mehr; was zugekauft wird, sind Wasserstoffperoxid mit 3 Prozent, eine Iod-Lösung bis 2,5 Prozent und Natron.

Ein weiterer Fortschritt betrifft den Nachschub. Kosmos führt für den C1000 alle sieben Chemikalien einzeln als Ersatzteile. Für die Kästen der 1960er- und 1970er-Jahre galt das Prinzip „selbst beschaffen“ auch beim Nachfüllen, mit allen Folgen für Beschriftung und Aufbewahrung. Ersatzteile Stück für Stück kennen auch andere Spielwaren; wie das bei Gesellschaftsspielen aussieht, beschreibt unsere Seite zu fehlenden Spielfiguren und Karten.

Was heute fehlt, sollte man ebenfalls ehrlich benennen. Die organische Chemie mit Farbstoffen und Kunststoffen, die der C1 bis zum Bakelit durchspielte, kommt im C1000 nicht vor. Die Flamme als Werkzeug ist aus der Inhaltsliste verschwunden. Und der Weg vom Kinderkasten zum Kasten für Jugendliche, den Kosmos mit C1 und C2 oder C1000 bis C3000 anbot, endet im heutigen Shop beim C1000. Was danach kommt, muss die Familie bei Kosmos heute außerhalb der Chemie-Reihe suchen.

Wie sich ein heutiger Kasten vor dem Kauf nach Material, Aufsicht und Nachschub beurteilen lässt, fasst die Einstiegsseite zu Experimentierkästen zusammen, mit Verweisen auf alle Einzelseiten.

Die Fragen aus den Foren, der Reihe nach beantwortet

In Foren und sozialen Netzwerken kehren dieselben Fragen wieder, und sie lassen sich mit dem Material dieser Seite der Reihe nach beantworten. Die häufigste lautet, ob die Kästen der 1950er-Jahre gefährlich waren. Die ehrliche Antwort: Sie enthielten Stoffe, die heute als krebserzeugend oder fortpflanzungsgefährdend eingestuft sind, und ihre Anleitungen verlangten weitere. Ob daraus mehr Unfälle entstanden sind, lässt sich aus den Quellen nicht sagen; eine Statistik dazu haben wir nicht gefunden.

Die zweite Frage ist die nach dem gefundenen Kasten aus der Kindheit — darauf antwortet der nächste Abschnitt. Die dritte lautet sinngemäß, ob früher „mehr erlaubt“ war. Das stimmt nur zum Teil. Es gab keine eigene europäische Regel für Chemiekästen, aber die Hersteller schrieben Schutzbrillen und Vorsicht durchaus in ihre Anleitungen. Der Unterschied liegt darin, wer zuständig war: früher die Familie, heute zuerst der Hersteller.

Viertens wird gefragt, ob es die alten Kosmos-Kästen noch gibt. Neu nicht; der C1 endete nach den Auflagenlisten in den 1980er-Jahren, und den C2000 und C3000 führt der Shop heute nicht. Fünftens, ob sich alte Anleitungen mit neuen Kästen nutzen lassen. Für einzelne Versuche mit Kupfersulfat, Blutlaugensalz oder Lackmus ja, weil diese Stoffe geblieben sind; für den Rest fehlen die Stoffe, und viele davon gehören aus gutem Grund nicht mehr in ein Kinderzimmer. Für jüngere Kinder gibt es heute Kästen ab sechs Jahren ganz ohne Gefahrstoffe.

Sechstens kommt die Frage, ob Kristalle früher besser wuchsen. Der DDR-Kasten „Kleiner Experimentator“ hatte Kaliumaluminiumsulfat in der Liste, also Alaun — denselben Stoff, mit dem auch der heutige Kosmos-Kasten „Kristalle züchten“ arbeitet. Die Physik der Lösung hat sich nicht geändert, und die Fehler auch nicht. Was dabei schiefgehen kann, steht in unserer Fehlersuche für Kristallkästen.

Ein Kasten aus der eigenen Kindheit

Wer beim Ausräumen eines Elternhauses einen Kasten aus den 1960er- oder 1970er-Jahren findet, hält ein Stück Familiengeschichte in der Hand und zugleich einen Behälter mit Stoffen, deren Zustand niemand kennt. Etiketten verblassen, Verschlüsse werden spröde, Lösungen können sich verändert haben. Und es kann sein, dass in einem leeren Glas, das laut Liste für ein selbst hergestelltes Präparat gedacht war, tatsächlich etwas liegt — ohne dass jemand weiß, was.

Der vernünftige Umgang trennt Erinnerung und Stoff — aber an der Annahmestelle, nicht am Küchentisch. Der Kasten geht vollständig zur Schadstoffsammlung der Gemeinde, ohne Umfüllen, ohne Mischen und ohne den Versuch, etwas auszuprobieren. Angenommen werden dort die Chemikalien; Anleitung, Karton und Geräte ohne Stoffreste lassen sich danach behalten. Sie sind das, was einen solchen Kasten als Erinnerung ausmacht.

Für Stoffe aus der Liste in diesem Text ist das keine Übervorsicht. Benzol, Kaliumdichromat oder Bleisalze sind nichts, was man im Haushalt neutralisiert, und auch die Mengen der alten Kästen — rund 35 Gramm Kaliumpermanganat, 40 Gramm Kalziumkarbid — liegen deutlich über dem, was heutige Kästen enthalten. Wer unsicher ist, was in einem Glas steckt, gibt es als „unbekannter Inhalt aus einem alten Chemiebaukasten“ ab.

Wie die Abgabe Schritt für Schritt abläuft, welche Mengen kommunale Sammelstellen annehmen und was mit Batterien und Elektroteilen geschieht, steht in unserem Ratgeber zum Entsorgen und Weitergeben. Ein Kasten ohne Chemikalien, mit Anleitung und Gerät, bleibt ein Zeitdokument: Die Inventare, auf die sich diese Seite stützt, haben Sammler aus Handbüchern und Kästen wie diesem abgeschrieben.

2026, 2028, 2030: die nächsten Daten

Die Geschichte des Chemiebaukastens ist nicht abgeschlossen; sie hat drei feste Termine. Am 14. September 2026 hat die Europäische Union mit dem Durchführungsbeschluss (EU) 2026/2032 die EN 71-4 in der Fassung von 2020 mit der Änderung A1 aus dem Jahr 2025 in die Liste der harmonisierten Normen zur Spielzeugrichtlinie aufgenommen. Ein Kasten, der diese Fassung erfüllt, gilt damit als vermutlich konform mit der Richtlinie. So fasst es der Prüfdienstleister SGS in seiner Meldung vom 22. September 2026 zusammen.

Am 14. März 2028 fällt die ältere Fassung EN 71-4:2020 ohne die Änderung aus dieser Liste. Spätestens dann ist die Kaliumpermanganat-Regel von 2025 der Maßstab, an dem sich alle Chemiekästen auf dem europäischen Markt messen lassen müssen, wenn sie sich auf die Norm stützen. Für Käufer bedeutet das vor allem: Ein Kasten, der noch reines Kaliumpermanganat enthält, stammt aus einer älteren Produktion oder erfüllt die aktuelle Fassung der Norm nicht.

Am 1. August 2030 gilt dann die neue Spielzeugverordnung (EU) 2025/2509, die die Richtlinie von 2009 ablöst. Für Chemiekästen behält sie den Pflichtsatz mit Mindestalter und Aufsicht bei, den es seit 1990 gibt. Was sich für Elektro-Experimentierkästen ändert, ist in unserem Vergleich der Elektrokästen nachzulesen.

Damit wird das Recht, das den Inhalt eines Chemiebaukastens bestimmt, zum ersten Mal seit 1988 nicht mehr von den Mitgliedstaaten umgesetzt, sondern gilt unmittelbar. Wann ein Gegenstand dabei als Spielzeug gilt und wann als etwas anderes, ist keine Frage nur für Chemiekästen; ein Beispiel aus einer ganz anderen Ecke ist die Grenze zwischen Spielzeugroller und Sportgerät. Für den Chemiebaukasten bleibt die Richtung, die seit 1988 gilt: weniger Stoffe, bessere Angaben, mehr Verantwortung beim Hersteller.

Wo diese Zeitreise Lücken hat

Ein Hersteller im Mittelpunkt. Die durchgehende Reihe von 1926 bis heute gibt es nur für Kosmos, weil nur für Kosmos Auflagen und Inhaltslisten öffentlich dokumentiert sind. Andere westdeutsche Hersteller fehlen.

Abschriften statt Originale. Die Listen von 1968, 1970 und 1976 sind Abschriften von Sammlern. Die Liste von 1968 ist dort als ungeprüft markiert, und keine der Listen nennt für jeden Stoff eine Menge.

Keine Unfallstatistik. Ob alte Kästen mehr Unfälle verursacht haben als heutige, lässt sich aus den Quellen dieser Seite nicht ablesen. Wir behaupten es deshalb nicht.

Quellenarbeit. Welche Quellen wir zulassen und wie wir sie datieren, erläutert unser Quellenverzeichnis.

Fragen zum Chemiebaukasten von früher

Was war früher in einem Chemiebaukasten?

Deutlich mehr Stoffe als heute. Ein Kosmos-Kasten von 1928 im Schulmuseum Friedrichshafen enthält 42 Chemikalien für 600 Experimente, darunter Benzol, Jod und Salpetersäure. Die Ausgabe von 1968 listet gut 40 Stoffe im Kasten und elf weitere, die selbst beschafft werden sollten. Der heutige Kosmos Chemielabor C1000 enthält sieben.

Warum sind Chemiebaukästen heute so leer?

Weil drei Regelwerke nacheinander Stoffe herausgenommen haben. Die Spielzeugrichtlinie von 1988 schloss entflammbare und explosionsgefährliche Stoffe aus, die Norm EN 71-4 legt seit 1990 fest, was in welcher Menge beiliegen darf, und seit 2011, mit Übergangsfrist bis 2013, dürfen Stoffe, die als krebserzeugend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend eingestuft sind, in Spielzeug grundsätzlich nicht mehr verwendet werden.

Gab es wirklich Chemiebaukästen mit Uran?

Ja, einen bekannten: das Gilbert U-238 Atomic Energy Laboratory aus den USA, mit vier Gläsern Uranerz, Geigerzähler und Nebelkammer. Es wurde nur 1950 und 1951 angeboten, und es wurden weniger als 5.000 Stück verkauft. Für den deutschen Markt und für gewöhnliche Chemiebaukästen ist es nicht typisch.

Seit wann gibt es Chemiebaukästen von Kosmos?

Seit 1926. Kosmos bot ab 1922 Experimentierkästen zur Elektrotechnik an und 1926 den ersten Chemiebaukasten. Die erste Auflage der Anleitung erschien 1926; bis 1968 folgten elf Auflagen, ab 1970 ersetzte das Chemie-Labor C1 den alten Baukasten Chemie.

Gab es in der DDR Chemiebaukästen?

Ja. Das DDR Museum Berlin zeigt den Experimentierkasten „Der kleine Chemiker“ für 56 Versuche von Friedrich Bachmann & Co. aus Jena. Bis 1963 wurden nach Angabe des Museums 40.000 Lehrspiele „Der Kleine Experimentator“ und „Der Kleine Chemiker“ ausgeliefert, gefertigt im VEB Kombinat Anker-Steinbaukasten in Rudolstadt.

Lag früher eine Schutzbrille im Chemiebaukasten?

Bei Kosmos lange nicht. Die Anleitung des Chemie-Labors C1 aus den 1970er-Jahren verlangt eine Schutzbrille bei allen Versuchen, liefert sie aber nicht mit und verweist auf Optikergeschäfte. Heute verlangt die Norm EN 71-4 Augenschutz in Chemiekästen, und der Kosmos C1000 enthält eine Schutzbrille.

Ist Kaliumpermanganat in Chemiebaukästen verboten?

Als reiner Stoff nicht mehr zulässig. Die Änderung A1 der EN 71-4 von 2025 hat ihn laut dem Prüfdienstleister SGS aus der Tabelle für Chemiekästen gestrichen, weil er als fortpflanzungsgefährdend der Kategorie 2 eingestuft ist. Erlaubt bleibt ein Gemisch mit Natriumsulfat unter 3 Prozent.

Welche Stoffe aus alten Chemiebaukästen sind heute als krebserzeugend eingestuft?

Unter anderem Benzol, Kaliumdichromat und Formaldehyd. Die GESTIS-Stoffdatenbank führt Benzol als krebserzeugend der Kategorie 1A, Kaliumdichromat und Formaldehyd der Kategorie 1B. Bleinitrat ist dort als fortpflanzungsgefährdend der Kategorie 1A eingestuft. Alle vier stehen in Kosmos-Inhaltslisten der 1960er- und 1970er-Jahre, teils zum Selbstbeschaffen, teils im Versuch hergestellt.

Welche Stoffe sind seit hundert Jahren in Chemiebaukästen?

Kupfersulfat, Lackmus als Indikator, Calciumhydroxid, Natriumcarbonat und Kaliumhexacyanoferrat stehen in den Kosmos-Listen von 1968 und 1976 ebenso wie im heutigen C1000; Kupfersulfat und Lackmus nennt schon das Schulmuseum für den Kasten von 1928.

Was tun mit einem alten Chemiebaukasten aus der Kindheit?

Nicht damit experimentieren und nichts umfüllen. Ein Kasten von vor 2011 kann Stoffe enthalten, die heute nicht mehr in Spielzeug verwendet werden dürfen. Er geht vollständig zur Schadstoffsammlung der Gemeinde; Anleitung, Karton und Geräte ohne Stoffreste lassen sich danach als Erinnerung behalten.

Museen, Sammler, Rechtstexte und Stoffdaten hinter dieser Zeitreise

  1. 01Schulmuseum Friedrichshafen: Kosmos-Chemiebaukasten von 1928 · abgerufen 03.10.2026
  2. 02DDR Museum Berlin: Experimentierkasten „Der kleine Chemiker“ · abgerufen 03.10.2026
  3. 03ee-wiki (Sammler-Wiki): KOSMOS Chemie Handbücher, Auflagen und Inhaltslisten · abgerufen 03.10.2026
  4. 04Wikipedia (englisch): Chemistry set · abgerufen 03.10.2026
  5. 05Wikipedia (englisch): Gilbert U-238 Atomic Energy Laboratory · abgerufen 03.10.2026
  6. 06EUR-Lex: Richtlinie 88/378/EWG über die Sicherheit von Spielzeug · abgerufen 03.10.2026
  7. 07EUR-Lex: Richtlinie 2009/48/EG über die Sicherheit von Spielzeug · abgerufen 03.10.2026
  8. 08DIN Media: DIN EN 71-4:1990-11 mit Ersatz- und Änderungsvermerken · abgerufen 03.10.2026
  9. 09SGS SafeGuardS 128/26: harmonisierte Normen zur Spielzeugrichtlinie · abgerufen 03.10.2026
  10. 10GESTIS-Stoffdatenbank: Benzol · abgerufen 03.10.2026

Welche Quellen dieses Portal verwendet

Chronik dieser Seite

  1. Umgang mit einem alten Kasten an den Entsorgungsratgeber angeglichen: Der Kasten geht vollständig zur Sammelstelle, Anleitung, Karton und Geräte ohne Stoffreste lassen sich danach behalten; Verweis auf die Übersicht.
  2. Ersterstellung: Inhaltslisten von Kosmos-Kästen aus 1928, 1968, 1970 und 1976 gegen den heutigen Chemielabor C1000 gehalten, DDR-Kästen aus Museumsbeständen ergänzt, Richtlinie 88/378/EWG, Richtlinie 2009/48/EG und die acht Ausgaben der EN 71-4 ausgewertet, Einstufung der verschwundenen Stoffe in der GESTIS-Stoffdatenbank nachgeschlagen.

Wie Korrekturen gehandhabt werden