Spiel des Jahres: wer den Preis vergibt und was der Pöppel aussagt
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Woher die Angaben auf dieser Seite stammen
Drei Signets, die sich ähneln, und drei Bedeutungen
Der Kegel heißt Pöppel, trägt einen Lorbeerkranz und steht auf mindestens drei verschiedenen Arten von Schachteln. Auf der einen steht darunter „Spiel des Jahres“, auf der zweiten „Kinderspiel des Jahres“, auf der dritten „Kennerspiel des Jahres“. Das sind keine Abstufungen desselben Preises, sondern drei getrennte Auszeichnungen mit teils verschiedenen Jurys und verschiedenen Zielgruppen.
Dazu kommt eine vierte Variante, die leicht übersehen wird: derselbe Kegel mit einem Zusatz wie „Nominiert zum Spiel des Jahres“. Wer im Laden schnell schaut, sieht den Lorbeerkranz und liest den Zusatz nicht. Eine Nominierung ist die zweite von drei Stufen — welche das sind und wie viele Titel je Stufe vergeben werden, steht weiter unten.
Und es gibt eine fünfte Möglichkeit, die gar keine Auszeichnung ist: Ein Verlag darf mit dem Titel werben, ohne das Signet zu drucken. Ein Satz wie „vom Spiel des Jahres ausgezeichnet“ auf der Rückseite kann also von einem Siegerspiel stammen, dessen Signetvertrag ausgelaufen ist oder das nie einen abgeschlossen hat. Diese Unterscheidung ist der Grund, warum diese Seite überhaupt entstanden ist.
Wir haben den Pöppel in den drei Vergleichen dieses Themenbereichs bereits als Gegenquelle benutzt — bei Brettspielen ab 6 Jahren, bei Spielen zu zweit und bei den Spielen für die ganze Familie. Diese Seite fragt zum ersten Mal, was diese Quelle eigentlich ist.
Und ein Zeichen, das nicht von dieser Jury stammt
Neben dem Kegel findet sich auf deutschen Spieleschachteln regelmäßig ein orangefarbenes Quadrat mit den Kleinbuchstaben „spiel gut“. Es kommt von einem anderen Verein, aus einer anderen Stadt, mit einer anderen Frage und einem anderen Verfahren. Wer beide für Abstufungen desselben Systems hält, liest zwei voneinander unabhängige Urteile als eines.
Unterhalb davon liegen zwei Zeichen, die überhaupt nichts über Spielreiz sagen: die CE-Kennzeichnung und das GS-Zeichen. Das erste ist eine Erklärung des Herstellers, das zweite die Bestätigung einer zugelassenen Stelle, und beide betreffen Sicherheit. Wir haben beide in der Prüfung der Altersangabe im Wortlaut der Rechtstexte behandelt; hier stehen sie nur zur Abgrenzung.
Am Ende steht eine einfache Ordnung: Zwei Zeichen sagen etwas über Sicherheit, zwei über eine Einschätzung. Von den beiden Einschätzungen kommt eine von einer Jury aus Spielekritikerinnen und Spielekritikern, die andere von einem Gremium aus Pädagogik, Medizin, Technik und Gestaltung. Sie beantworten nicht dieselbe Frage, und keines der beiden ersetzt das andere.
Drei Preise auf einer Zeitleiste, und wie lange sie kleben
Gezeichnet ist unten zweierlei. Oben laufen die drei Preise als Bänder nebeneinander, von ihrem jeweils ersten Jahrgang bis heute; eingetragen sind fünf Hauptpreisträger mit den Kennwerten, die in der Datenbank der Jury stehen. Unten stehen die drei Laufzeiten, für die ein Verlag das Signet drucken darf. Das zweite Feld erklärt, warum die Zeitleiste nicht die ganze Geschichte erzählt.
Am oberen Feld fällt zuerst auf, wie jung zwei der drei Bänder sind. Der Hauptpreis läuft seit 1979, das Kinderspiel kam 22 Jahre später dazu, das Kennerspiel noch einmal 10 Jahre danach. Wer einen Pöppel auf einer Schachtel von vor 2001 sieht, kann ihn deshalb gar nicht mit einem Kinderspielpreis verwechseln — es gab ihn noch nicht.
An den fünf Markierungen ist eine Bewegung erkennbar, die wir nicht überdehnen wollen. Auf der Zeitachse sinkt die Spieldauer des Hauptpreisträgers von rund 60 Minuten im ersten Jahrgang und rund 75 Minuten in der Mitte auf rund 30 Minuten zuletzt, die Obergrenze der Personenzahl steigt von 6 auf 7. Fünf Zeitpunkte aus 48 Jahrgängen sind eine Auswahl und kein Verlauf; sie zeigen, dass sich etwas geändert hat, nicht wie stetig.
Das untere Feld ist der eigentliche Grund für diese Seite. Ein Siegerspiel darf den Pöppel unbegrenzt tragen, ein nominiertes Spiel drei Kalenderjahre, ein empfohlenes zwei Jahre. Was im Regal klebt, ist also nicht allein eine Aussage über das Spiel, sondern auch eine Aussage darüber, wie lange die Entscheidung her ist.
Wer die Jury ist und warum sie ein Verein wurde
Hinter dem Preis steht der Spiel des Jahres e.V. Als Rechtsform war das kein Zufall, und der Verein erklärt sie auf seiner Geschichtsseite selbst: Mit einem Verein ließ sich regeln, „dass nur Personen, die nicht von Herstellung und Vertrieb von Spielen abhängig sind, Mitglied und damit wahlberechtigt werden konnten“. Zweitens machte die bei Gericht hinterlegte, jedermann zugängliche Satzung das Wahlverfahren nachprüfbar.
Wer im Wort „Verein“ etwas Behäbiges hört, liest hier den umgekehrten Vorgang: Eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten hat sich eine Struktur gegeben, die ihre eigene Unabhängigkeit erzwingt. Der Verein nennt das rückblickend einen der Gründe für die Wirkung des Preises und fügt hinzu, das Prinzip sei von Anfang an bis heute strikt beibehalten worden.
Im Jahr 2026 bestand die Jury für Spiel und Kennerspiel aus 14 namentlich genannten Mitgliedern; Vorsitzender war Harald Schrapers, Sprecherin Maren Hoffmann. Beim Kinderspiel ist das Gremium kleiner: 3 Mitglieder, dazu 4 Beirätinnen und Beiräte. Eine Person, Christoph Schlewinski, gehört beiden Gremien an und koordiniert das Kinderspiel — die beiden Jurys sind also getrennt, aber nicht abgeschottet.
Wir haben die beiden Namenslisten gegeneinandergelegt: 14 Namen in der einen, 3 plus 4 in der anderen, zwei Namen stehen auf beiden. Es entscheiden also 19 verschiedene Personen über drei Preise. Zum Vergleich: Der französische As d’Or kam im selben Jahr mit 9 Jurymitgliedern für 4 Kategorien aus, und in den Vereinigten Staaten stimmen Hunderte Laien ab. Die drei Preise arbeiten in völlig verschiedenen Größenordnungen.
Bezahlt wird für das Spielen nicht. Ehrenamtlich arbeitet die Jury insoweit und bekommt Fahrt, Übernachtung und Spesen ersetzt, wenn sie im Auftrag unterwegs ist. Für Aufgaben darüber hinaus — Vorstandsarbeit, Moderation der Verleihung, Öffentlichkeitsarbeit, die Vorauswahl der Förderanträge — zahlt der Verein eine zu versteuernde Aufwandsentschädigung je Stunde. Deren Höhe steht in der FAQ des Vereins; auf diesem Portal stehen keine Geldbeträge, auch keine von Vereinen.
Alle Einnahmen stammen nach eigener Darstellung ausschließlich aus Lizenzgebühren für den werblichen Einsatz des Logos. Damit finanziert der Verein einen hauptamtlichen Geschäftsführer, eine Geschäftsstelle, ein Stipendium der Spiele-Autoren-Zunft, die Initiative „Spielend für Toleranz“, den Tag der Brettspielkritik, eine Zusammenarbeit mit den Museen der Stadt Nürnberg, eine Wissenschaftlerstelle an der Universität Konstanz und ein Förderprogramm. Bemerkenswert daran ist ein Satz am Ende derselben Antwort: Das Finanzamt erkennt diese Zwecke nicht im rechtlich erforderlichen Maß als steuerbegünstigt an, weshalb der Verein Steuern zahlt.
Was die Jury über ihren eigenen Zweck schreibt
Unter „Sinn und Zweck“ steht ein Satz, der die verbreitete Lesart des Preises ausdrücklich zurückweist: „Oft wird in der Spieleszene die irrige Auffassung vertreten, der Zweck des Vereins sei die Wahl des Spiel des Jahres. Die Auszeichnung ist aber nur Mittel zum Zweck.“ Der Zweck ist demnach, das Spielen zu verbreiten; der Preis ist das wirksamste Werkzeug dafür, das dem Verein zur Verfügung steht.
Das ist mehr als eine Formulierungsfrage. Wer den Preis als Bestenliste liest, erwartet eine Rangfolge der besten Spiele eines Jahrgangs. Wer die Selbstbeschreibung ernst nimmt, erwartet etwas anderes: Titel, die sich eignen, möglichst viele Menschen zum Spielen zu bringen. Ein Spiel kann hervorragend sein und trotzdem ungeeignet, diese Botschaft zu tragen — etwa weil es zu sperrig ist für Menschen, die gerade erst anfangen.
Der Adressat wird ebenso deutlich benannt: nicht die Szene, sondern „das breite Publikum, das sich erfahrungsgemäß im riesigen Angebot an alten und neuen Spielen kaum mehr zurechtfindet“. Wer als erfahrener Vielspieler enttäuscht ist, dass ein anspruchsvoller Titel leer ausgeht, liest einen Preis, der für ihn gar nicht gemacht ist.
Im Jahrgangsbericht 2026 steht der dazu passende Satz über die Methode: Die Jury „betreibt schließlich keine Tests, bei denen man mit dem Klemmbrett Kriterien abhaken und anschließend einen scheinbar objektiven Punktewert als Ergebnis erhalten würde“. Das ist eine klare Abgrenzung — und zufällig auch eine gegen das, was wir auf diesem Portal tun. Wir zählen Teile, messen Schachteln und rechnen Wörter je Minute aus. Bei der Jury wird gespielt und abgestimmt. Beides beantwortet unterschiedliche Fragen, und keines ersetzt das andere.
Fünf Bedingungen, bevor überhaupt jemand spielt
Bevor ein Spiel beurteilt wird, muss es fünf formale Hürden nehmen. In der FAQ für Verlage stehen sie als Liste, und jede einzelne schließt eine erkennbare Gruppe von Titeln aus.
- Deutsche Sprache. Regeln und alle weiteren relevanten Texte müssen auf Deutsch vorliegen. Das trifft genau den Fall, den wir im Vergleich der zwei Personen am Tisch an einem Importtitel beschrieben haben.
- Erscheinungsjahr. Das Spiel muss im laufenden Jahr oder im Vorjahr erschienen sein. Nahezu unveränderte Neuauflagen und Jubiläumsauflagen scheiden aus.
- Einzelhandel. Prototypen, Handmuster und Kleinstauflagen bewertet die Jury nicht. Auch ein Titel, der nur über eine einzige Handelskette oder eine Crowdfunding-Plattform läuft, erfüllt die Bedingung nicht.
- Vertrieb im deutschsprachigen Raum. Jeder Einzelhändler soll das Spiel über einen Vertrieb oder Großhändler beziehen können.
- Eigenständig spielbar. Bloße Erweiterungen werden nicht berücksichtigt.
Dazu kommt ein Stichtag: Berücksichtigt werden Spiele, die bis zum 31. März des laufenden Jahres erschienen sind, wobei als Erscheinungsdatum der Tag gilt, an dem das Spiel für den Einzelhandel erhältlich ist und als Rezensionsmuster vorliegt. Eine Messe-Sonderauflage im Februar reicht nicht. Wer im April herauskommt, konkurriert im nächsten Jahrgang.
Eine Ausnahme ist ausdrücklich geregelt: Ein Spiel, das ausverkauft und nachgedruckt wird, bleibt im Verfahren. Erst wenn es „out of print“ ist und der Handel es gar nicht mehr ordern kann, fällt es heraus. Das klingt nach einer Randfrage, betrifft aber regelmäßig kleine Verlage mit knapper Erstauflage.
Spiegelbildlich sagt der Verein auch, was seine Mitglieder gar nicht brauchen: keine nahezu unveränderten Varianten, keine Neuauflagen, keine Erweiterungen bereits bekannter Spiele. Und er sortiert nach Zuständigkeit — wer nur der Jury für Spiel und Kennerspiel angehört, braucht keine Kinderspiele, und umgekehrt. Für einen Verlag mit einem Kinderspiel ab 5 Jahren und einem Kennerspiel ab 12 Jahren im Programm sind das zwei verschiedene Verteiler.
Wer den ersten Schritt macht — und warum das viel ändert
Am meisten überrascht Außenstehende eine Regel, die in beiden FAQ gleichlautend steht. Auf die Frage, ob die Verlage ihre Spiele einsenden wie bei einem Wettbewerb, antwortet der Verein: „Nein. … Nicht die Verlage entscheiden also, welche Spiele ins Auswahlverfahren kommen, sondern die Mitglieder der Jury selbst.“ Die Jurymitglieder fragen Rezensionsexemplare in ihrer Rolle als Kritikerinnen und Kritiker an.
Unaufgefordert zugesandte Spiele nimmt die Geschäftsstelle ausdrücklich nicht entgegen, und beurteilt wird dort auch nichts. Einem neuen Verlag empfiehlt der Verein, die Jurymitglieder per Mail auf den Titel aufmerksam zu machen — und dann abzuwarten, ob sich jemand meldet.
Daran hängt eine zweite Regel mit erheblicher Wirkung: Berücksichtigt werden nur Spiele, die allen Jurymitgliedern vorliegen. Wer nicht alle bemustern kann oder will, dem rät der Verein, es gleich zu lassen — „ist es nicht sinnvoll, überhaupt ein Jurymitglied zu bemustern“. Bei 14 Mitgliedern in der einen und 3 plus 4 in der anderen Jury ist das für einen kleinen Verlag eine spürbare Zahl von Paketen.
Bezahlt wird dafür nichts, in keine Richtung. Sämtliche Rezensionsexemplare erhalten die Jurymitglieder entgelt- und voraussetzungsfrei, eine Rücksendung findet nicht statt, und einen Kostenbeitrag an kleine Verlage gibt es aus Gründen der Gleichbehandlung nicht. Eine Garantie auf eine Besprechung ist ebenfalls nicht verbunden: Bei der Zahl der Neuerscheinungen kann nur ein Bruchteil rezensiert werden.
Diese eine Regel — wer den Anstoß gibt — unterscheidet den deutschen Preis stärker von seinen ausländischen Verwandten als jede inhaltliche Frage. Weiter unten stehen die beiden Gegenmodelle.
Longlist, Shortlist, Sieger: drei Stufen und was sie heißen
Das Verfahren läuft in Stufen, und jede Stufe ist eine Abstimmung mit Mehrheitserfordernis. Auf der Klausurtagung im Mai wird aus den infrage kommenden Titeln zunächst eine Longlist gebildet. Aus ihr wählt die Jury die Shortlist mit je 3 Titeln pro Kategorie. Und hier kommt der Satz, der die Empfehlungsliste erklärt: Die Spiele der Longlist, die es nicht auf die Shortlist geschafft haben, bilden die Empfehlungsliste.
Das ist keine Trostrunde im üblichen Sinn, sondern eine Restmenge mit eigenem Namen. Ein Titel auf der Empfehlungsliste hat eine Mehrheit für die Longlist bekommen und danach keine für die Shortlist. Wer die drei Stufen als Schulnoten liest, liest sie falsch; zwischen Empfehlung und Nominierung liegt eine einzige verlorene Abstimmung.
Wie sich die Stufen mengenmäßig verteilen, lässt sich am Jahrgang 2026 zeigen. Von den 22 ausgewählten Titeln entfallen 9 auf die drei Shortlists und 13 auf die drei Empfehlungslisten — 41 Prozent gegen 59 Prozent. Damit ist die dritte Stufe die größte, und sie ist zugleich die, deren Signet am schnellsten wieder von der Schachtel muss.
Bekanntgegeben werden Nominierungen und Empfehlungsliste im Mai. Ihre Sieger wählt die Jury erst unmittelbar vor der Preisverleihung an einem Sonntag im Juli. Zwischen der Bekanntgabe der drei Nominierten und der Entscheidung liegen also rund 2 Monate, in denen drei Titel gleichberechtigt im Schaufenster stehen.
Einstimmigkeit ist nicht vorgesehen und wird auch nicht behauptet. Trocken formuliert das die FAQ: Wäre Einstimmigkeit Bedingung, „gäbe es vermutlich überhaupt keinen Preis“. Wiedergegeben wird mit jeder Entscheidung die Meinung der Mehrheit, nicht die jedes Einzelnen — bei einem Verein aus Mitgliedern mit individuellen Vorlieben könne es gar nicht anders sein.
571 gesichtete Neuheiten, 22 ausgewählte Titel
Am 19. Mai 2026 veröffentlichte die Jury ihren Bericht zum Jahrgang. Darin steht die Zahl, die dem ganzen Verfahren erst eine Größenordnung gibt: Aus einer „Rekordzahl von 571 Neuerscheinungen“ wurden 22 Spiele ausgewählt. Das sind 3,9 Prozent des gesichteten Jahrgangs.
Zusammen setzen sich die 22 aus 9 Nominierungen — 3 je Kategorie — und 13 Plätzen auf den drei Empfehlungslisten. Wir haben die Preisträgerseite dazu ausgezählt: 6 Titel auf der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres, 3 beim Kinderspiel, 4 beim Kennerspiel. 6 plus 3 plus 4 ergibt 13, und 13 plus 9 ergibt die genannten 22. Die Rechnung geht auf.
Aus derselben Aufstellung lässt sich eine zweite Zahl ziehen, die beim Kauf hilft: Auf jeden Titel mit Pöppel kommen im Jahrgang 2026 rechnerisch rund 26 Neuerscheinungen ohne. Wer im Laden nach dem Kegel sucht, filtert also nicht die Spitze eines Feldes heraus — er sieht ein Zwanzigstel davon und weiß über die übrigen 19 Zwanzigstel nichts.
Als Preisträger des Jahrgangs führt die Seite auf: Spiel des Jahres wurde Dito! von Martin Ang bei Game Factory, für 3 bis 7 Personen ab 10 Jahren. Kinderspiel des Jahres wurde Die Insel der Mookies von Florian Sirieix bei Kosmos und Scorpion Masqué, für 2 Kinder ab 4 Jahren. Kennerspiel des Jahres wurde Rebirth von Reiner Knizia bei Frosted Games und Mighty Boards, für 2 bis 4 Personen ab 10 Jahren.
Wie weit ein einzelner Jahrgang auseinanderläuft, zeigen die sechs übrigen Nominierungen. Beim Spiel des Jahres standen Cozy Sticker Ville für 1 bis 6 Personen ab 8 Jahren und Morty Sorty Magic Shop für 2 bis 4 Personen ab 8 Jahren auf der Shortlist. Beim Kinderspiel waren es Buh Party für 2 bis 6 Kinder ab 5 Jahren und Verflixt Verzaubert für 2 bis 4 Personen ab 6 Jahren. Beim Kennerspiel Boss Fighters QR für 2 bis 4 Personen ab 10 Jahren und Moon Colony Bloodbath für 1 bis 5 Personen ab 12 Jahren.
Zwischen der niedrigsten und der höchsten Altersangabe dieser 9 Titel liegen 8 Jahre — von ab 4 Jahren beim Kinderspielsieger bis ab 12 Jahren bei einem Kennerspielnominierten. Die Personenzahl reicht von 1 bis 7. Wer den Pöppel als Auswahlhilfe benutzt und dabei die Kategorie ignoriert, greift also in eine Menge, die von der Vorschulrunde bis zum Strategieabend alles enthält.
Zwei dieser drei Titel tauchen weiter unten noch einmal auf — in einem anderen Land, mit einem anderen Ergebnis.
Fünf Mängel, die die Jury selbst aufzählt
Der Jahrgangsbericht enthält einen Abschnitt, den man in einer Pressemitteilung nicht erwartet. Dort schreibt die Jury, es habe „auch Titel mit teils eklatanten Mängeln“ gegeben, und noch nie seien so viele Spiele aus dem besten Zehntel des Jahrgangs davon betroffen gewesen. Fünf Mängel werden benannt.
- Lückenhafte, uneindeutige und widersprüchliche Spielregeln.
- Fehlende Regelübersichten, obwohl sie nötig gewesen wären.
- „Eklatant falsche Altersangaben auf den Schachteln.“
- Für den Ablauf unabdingbare Elemente auf Deutsch, ergänzende Elemente jedoch nur auf Englisch.
- Spielmaterial, das bei schlechtem Licht oder nach kaum mehr als 10 Partien nicht mehr wie gewünscht funktioniert.
Diese Liste liest sich für uns wie ein Prüfbericht über unsere eigene Arbeit. Punkt 3 bestätigt, was wir in der Lektüre der Spielzeugrichtlinie an Rechtstexten hergeleitet haben: Die Zahl oberhalb der Drei ist ungeprüft, und sie geht daneben. Punkt 4 ist genau der Befund, den wir bei den Zweierrunden im Vergleich an einem einzelnen Titel gemacht haben.
Wichtig ist, was die Jury im Anschluss dazusagt: Manche Titel haben es trotz eines solchen Mangels auf die Listen geschafft, weil er „im Verhältnis zum überragenden Spielreiz nicht so sehr ins Gewicht“ fiel. Andere haben wohl deswegen die Mehrheit verfehlt. Genau quantifizieren lasse sich das nicht, weil jedes Mitglied seine eigenen Erfahrungen einbringe.
Wer ein Signet auf einer Schachtel sieht, weiß daher nicht, ob das Spiel diese fünf Punkte erfüllt. Er weiß nur, dass ein etwaiger Mangel eine Mehrheit nicht daran gehindert hat, zuzustimmen. Das ist eine andere Aussage als „fehlerfrei“, und es ist die einzige, die das Zeichen trägt.
Die Zahl, die die Jury tadelt, benutzt sie selbst zum Sortieren
In der FAQ für Verlage steht die Frage, bis zu welcher Altersangabe ein Spiel als Kinderspiel gilt. Geantwortet wird mit einer Zuständigkeitsregel: Titel mit „ab 6“ oder jünger sind zumeist Kinderspiele, Titel mit „ab 8“ oder älter fallen zumeist an die Jury für Spiel und Kennerspiel, „ab 7“ liegt dazwischen. In Grenzfällen tauschen sich die Gremien aus, endgültig entschieden wird erst nach dem Spielen.
Nebeneinandergelegt ergibt das ein Bild, das wir bei keiner anderen Institution dieses Clusters gefunden haben. Dieselbe Jury, die im Jahrgangsbericht „eklatant falsche Altersangaben auf den Schachteln“ als einen von fünf Mängeln benennt, benutzt genau diese gedruckte Zahl als erste Sortierung dafür, welches ihrer beiden Gremien ein Spiel überhaupt in die Hand nimmt. Beide Aussagen stehen auf der Website desselben Vereins.
Wir halten das nicht für einen Widerspruch, sondern für ein Eingeständnis der Lage. Eine bessere Vorsortierung gibt es nicht. Es existiert keine geprüfte Altersangabe, an der man sich stattdessen orientieren könnte, und irgendwo muss die Post ja hin. Genau deshalb steht im selben Text, dass die Entscheidung erst nach dem Spielen fällt — die gedruckte Zahl eröffnet das Verfahren, sie beendet es nicht.
Ein Nebenbefund gehört dazu: Die Grenze der Jury liegt bei 6 Jahren und 8 Jahren, also genau dort, wo auch der Handel seine Regalgrenzen zieht. Ein Spiel mit der Angabe ab 7 Jahren fällt in beiden Systemen in eine Zone ohne klare Zuordnung — und das ist, wie wir in den Vergleichen gesehen haben, eine der häufigsten Angaben überhaupt.
Für den Kauf folgt daraus eine nüchterne Regel. Wenn selbst das Gremium, das die Zahl kritisiert, sie zunächst benutzen muss, dann ist sie als grober Zugriff brauchbar und als Zusage wertlos. Wie weit sie im Einzelfall danebenliegen kann, haben wir bei den fünf ausgezählten Spielanleitungen gezeigt: Der Regeltext, den ein Kind lesen muss, schwankte dort zwischen 186 und 1.438 Wörtern je Seite.
Was sich am ausgezeichneten Spiel über die Jahrzehnte geändert hat
Bei den fünf Markierungen auf der Zeitleiste handelt es sich um Stichproben, aber sie sind keine zufälligen: Sie liegen auf dem ersten Jahrgang, auf den beiden Startjahren der jüngeren Preise, auf einem Jahrgang in der Mitte und auf dem aktuellen. Gemeinsam ist ihnen nur die Herkunft aus derselben Datenbank, was die Angaben vergleichbar macht.
Am deutlichsten bewegt sich die Spieldauer. 1979 stand rund 60 Minuten beim Titel, 1995 rund 75 Minuten, 2001 rund 30 Minuten, 2011 rund 45 Minuten, 2026 wieder rund 30 Minuten. Der Abstand zwischen dem längsten und dem kürzesten dieser fünf beträgt 45 Minuten, also das Zweieinhalbfache. Wer aus einem Pöppel auf die Länge eines Abends schließt, schließt von einem Zeichen auf eine Eigenschaft, die es nicht enthält.
Bei der Personenzahl verschiebt sich die Obergrenze nach oben: von 6 im ersten Jahrgang über 4 und 5 in der Mitte auf 7 zuletzt. Unten bleibt es bei 2 oder 3, mit Ausnahme des Jahrgangs 1995, der eine untere Grenze von 3 Personen hat — ein Spiel, das zu zweit gar nicht in der Grundschachtel läuft, war damals Hauptpreisträger. Warum das ein eigenes Thema ist, steht bei den unserer Prüfung der Zweiervarianten.
Am wenigsten bewegt sich die Altersangabe: viermal von fünf steht dort „ab 10“ oder weniger, einmal „ab 8“, einmal „ab 6“. Das ist der stabilste der drei Kennwerte über 48 Jahrgänge hinweg und passt zur erklärten Zielgruppe — ein Preis, der das breite Publikum anspricht, landet selten bei Titeln, die erst ab 14 Jahren funktionieren.
Für den Jahrgang 2026 hat die Jury die Verschiebung selbst beschrieben: Mehrere ausgezeichnete Titel bedienen sich der Ästhetik von Videospielen, zwei verknüpfen das Spiel auf dem Tisch mit einer App. Ausdrücklich nicht als Trend ordnet die Jury das ein — „auch in diesem Jahrgang besitzt der allergrößte Teil der Neuerscheinungen keine App“ — und nennt als Bedingung, dass die App das Geschehen auf dem Tisch unterstützt und nicht dominiert.
Ein Kamin, ein Tischfußballturnier und ein Biergarten
Nachzulesen ist die Entstehungsgeschichte auf der Seite des Vereins, und sie ist ungewöhnlich genau datiert. Vorgetragen hat die Idee, ein Spiel des Jahres zu wählen, der WDR-Journalist Jürgen Herz im Februar 1978 während der Nürnberger Spielwarenmesse vor — in der Privatwohnung von Margot und Tom Werneck in Erlangen, wo sich zur Messe Verleger, Autoren und Journalisten am Kamin trafen. Anwesend waren unter anderen Bernward Thole und Alex Randolph.
Herz begründete den Vorschlag mit zwei Punkten: dass es jedes Jahr neue Spiele gebe und dass es jedes Jahr herausragende neue gebe — „eine wichtige Abgrenzung also zu dem damaligen Volksglauben, es gäbe als Brettspiele nur Mühle, Dame, Halma und Schach“. Kontrovers sei die Idee diskutiert und ihr PR-Wert teils infrage gestellt worden.
Zur Umsetzung kam es über einen Umweg, den sich niemand ausgedacht hätte. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 lud ein Hersteller Journalisten und Spieler der Tipp-Kick-Bundesliga zu einer vorweggenommenen Weltmeisterschaft am Tischfußball ein. Am Rande dieses Turniers wurde die Idee weiterdiskutiert, und anschließend beschloss die Runde in einem Erlanger Biergarten die Gründung des Vereins.
Angeschoben wurde das Ganze vom damaligen Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit. Dessen Ministerin Antje Huber sorgte dafür, dass die Preisverleihung 10 Jahre lang im Forum der Volkshochschule in Essen stattfand — sie hatte dort ihren Wahlkreis. Ein Spieleabend war die Verleihung damals, zu dem Familien aus dem Ruhrgebiet eingeladen waren.
Ein Detail verdient eine eigene Zeile: Das erste Spiel des Jahres wurde zweimal gewählt. Bis zum Herbst 1978 hatte die Jury die Organisation einer Verleihung nicht fertig bekommen, also gab es eine Wahl ohne Zeremonie. Erst 1979 fand die erste „richtige“ Wahl mit Verleihung statt — und fiel wieder auf denselben Titel, „Hase und Igel“ von David Parlett bei Ravensburger.
Eine kleine Unstimmigkeit in der eigenen Darstellung sei erwähnt, weil wir sie geprüft haben: Die Seite „Sinn und Zweck“ datiert den Zusammenschluss der Arbeitsgruppe auf 1977, die Geschichtsseite den Anstoß auf Februar 1978. Beide Angaben stehen nebeneinander auf derselben Website. Wir lösen das nicht auf, sondern nennen beide.
Ein Titel, an dem sich zeigt, was ein Preis mit einem Spiel macht
Der Datenbankeintrag zum Jahrgang 1995 ist aus einem Grund interessant, der nichts mit dem Spiel zu tun hat. Unter den Zusatzangaben steht dort: „Der ursprüngliche Verlagsname lautet ‚Franckh-Kosmos‘. Seit 2015 erscheint das Spiel unter dem verkürzten Namen ‚Catan‘.“
Von den drei Angaben, mit denen der Preis damals vergeben wurde — Titel, Verlag, Autor — haben sich also zwei geändert. Wer heute im Laden nach „Die Siedler von Catan“ sucht, sucht nach einer Bezeichnung, die es so nicht mehr gibt; die Auszeichnung hängt an ihr trotzdem weiter. Nachgeführt wird die Änderung im Eintrag selbst, statt den Eintrag umzubenennen, und das ist die dokumentarisch saubere Lösung.
Aus demselben Eintrag stammen die Kennwerte: 3 bis 4 Personen, ab 10 Jahren, rund 75 Minuten. Der Spielplan entsteht aus 19 Kartonplättchen, die bei jedem Aufbau neu zusammengesetzt werden; gewonnen hat, wer zuerst 10 Siegpunkte erreicht, wobei ein Dorf 1 Punkt und eine Stadt 2 Punkte einbringt. Der Begründungstext hebt außerdem eine Neuerung hervor, die heute selbstverständlich wirkt: ein lexikonartig aufgebautes Regelheft neben einer Kurzregel.
Der letzte Satz der Begründung ist eine Prognose: Es handle sich um „ein Spiel, das garantiert ein Klassiker wird“. Das ist die einzige Aussage in diesem Text, die sich nachträglich prüfen lässt, und sie hält: Der Titel ist 31 Jahre später im Handel, unter verändertem Namen, im selben Verlag.
Sichtbar wird daran, was ein Preis mit einem Spiel tatsächlich macht und was nicht. Er verlängert seine Sichtbarkeit — ein Titel mit unbefristetem Signetvertrag steht nach 31 Jahren noch im Regal und trägt dasselbe Zeichen wie ein Titel aus dem laufenden Jahr. Er konserviert aber auch einen Zustand: Die Angaben im Eintrag — 3 bis 4 Personen, ab 10 Jahren, rund 75 Minuten — beschreiben die Fassung von 1995. Was seither an Ausstattung, Sprache und Zusatzmaterial dazugekommen ist, steht dort nicht.
Was wir über die Wirkung auf den Absatz sagen können, ist wenig, und das hat einen Grund. Der Verein behauptet an einer Stelle, niemand sei damals auf die Idee gekommen, „dass der vorgeschlagene Preis einmal Aktienkurse von Unternehmen beeinflussen könnte“. Das ist eine Aussage des Preisstifters über die Bedeutung seines eigenen Preises. Wir haben keine geprüfte Zahl zu Absatzwirkungen, also steht hier keine.
Was in einer Begründung steht — und was niemals
Begründet wird nur der positive Fall. Wird ein Spiel ausgezeichnet, benennt die Jury seine Vorzüge, auch in allgemeiner Form im Text der Urkunde. Für den negativen Fall gibt es keine Veröffentlichung, und die FAQ erklärt, warum: Jedes Mitglied müsste zunächst bekanntgeben, ob es gegen ein Spiel gestimmt hat, um seine Ablehnung zu begründen. Genau das soll im Interesse der Unabhängigkeit nicht öffentlich werden.
Eine Ausnahme nennt der Verein selbst: Wenn ein Spiel „wegen objektiver Sachverhalte nicht in Frage kommt — weil etwa die Regel unbrauchbar ist oder das Material den Praxistest nicht übersteht“. Das ist dieselbe Grenze, die im Jahrgangsbericht zwischen Geschmack und Mangel gezogen wird, und sie ist bemerkenswert eng gezogen.
Für die Praxis heißt das: Aus der Abwesenheit eines Signets lässt sich nichts ablesen. Ein Spiel ohne Pöppel kann übersehen worden sein, zu spät erschienen sein, an einer der fünf formalen Bedingungen gescheitert sein, eine Abstimmung knapp verloren haben oder schlicht nicht gefallen haben. Diese fünf Fälle sind von außen nicht zu unterscheiden, und der Verein unterscheidet sie bewusst nicht.
Der Umkehrschluss, der daraus im Handel manchmal gezogen wird, ist also unzulässig. „Nicht ausgezeichnet“ ist keine Aussage über Qualität. Es ist die Abwesenheit einer Aussage, und bei 571 gesichteten Neuerscheinungen und 22 ausgewählten Titeln ist die Abwesenheit der Normalfall.
Was es stattdessen gibt, sind die Veröffentlichungen der Jurymitglieder selbst. Alle schreiben Spielekritiken in verschiedenen Medien und äußern darin ihre Meinung — auch solche, die von der Mehrheitsentscheidung abweicht. Der Verein verweist ausdrücklich darauf. Wer wissen will, warum ein Titel nicht auf der Liste steht, findet dort eher etwas als beim Verein.
Was die Spieledatenbank hergibt und wo sie aufhört
Zu jedem ausgezeichneten Titel führt die Jury einen Eintrag mit Beschreibung, Autor, Verlag, Personenzahl, Altersempfehlung und Dauer. Für uns ist das eine der wenigen Quellen, die Angaben zu Spielen über Jahrzehnte hinweg nach demselben Schema führt, und wir haben sie in allen drei Vergleichen dieses Themenbereichs als Gegenquelle zu den Verlagsangaben benutzt.
Ein Feld fällt dabei besonders auf: „Unsere Empfehlung“. Dort veröffentlicht die Jury eine eigene Altersempfehlung, wenn sie von der Verlagsangabe abweicht. Wir haben am 18. September 2026 elf Einträge daraufhin geprüft — Hase und Igel, Die Siedler von Catan, Scotland Yard, Carcassonne, Blokus, Einfach Genial, Madagascar Catan Junior, Funkelschatz, Karuba, Qwirkle und Dito!.
Ergebnis: Genau 1 von 11 Einträgen trägt eine abweichende eigene Empfehlung. Bei Qwirkle, dem Hauptpreisträger von 2011, steht als Verlagsangabe „ab 6“ und daneben die Empfehlung der Jury „ab 8 Jahren“ — 2 Jahre Unterschied bei einem Titel, den dieselbe Jury ausgezeichnet hat. In den übrigen 10 Einträgen bleibt das Feld leer.
Wer daraus schließt, die Verlagsangaben seien überwiegend in Ordnung, schließt zu schnell. Das Feld sagt nichts darüber aus, ob die Jury eine Angabe geprüft und für richtig befunden hat; es sagt nur, dass sie in 10 von 11 Fällen keinen Anlass sah, eine eigene Zahl danebenzustellen. Zwischen „geprüft und bestätigt“ und „nicht widersprochen“ liegt derselbe Unterschied wie zwischen einem Prüfzeichen und einer Herstellererklärung.
Elf Einträge sind eine Stichprobe und keine Auszählung des Bestandes. Was sich daraus sagen lässt, ist nur dies: Das Feld existiert, es wird benutzt, und es wird selten benutzt. Wer erwartet, in der Datenbank flächendeckend eine geprüfte Gegenangabe zur Schachtel zu finden, wird enttäuscht.
Zwei weitere Grenzen sind uns aufgefallen. Ausgezeichnete Jahrgänge zeigen die Einträge als Bild; die Jahreszahl steckt teils im Dateinamen der Grafik, was wir in den Vergleichen offen gesagt haben. Und die Datenbank enthält keine Angaben zu Teilezahl, Schachtelmaß oder Regelumfang — also zu genau den Größen, mit denen wir hier arbeiten. Sie ist eine Quelle für das Urteil einer Jury, nicht für die Eigenschaften eines Produkts.
Frankreich: derselbe Zweck, ein anderer erster Schritt
Der französische As d’Or wird beim Festival International des Jeux in Cannes vergeben, getragen vom dortigen Palais des Festivals et des Congrès. Entstanden ist er 1988 und seit 2005 mit dem Titel „Jeu de l’Année“ vereinigt. Der erste Preisträger von 1988 war „Super Gang“, ausgewählt von einer Jury aus 7 Personen; 2026 zählte die Jury 9 namentlich genannte Mitglieder.
Anders als in Deutschland sind die Kategorien geschnitten. Vergeben werden 4 Preise: Jeu de l’Année, Enfant, Initié und Expert. Wo die deutsche Jury zwischen Spiel und Kennerspiel unterscheidet, fächert die französische das obere Ende in zwei Stufen auf und nennt sie beim Namen.
Das Palmarès listet jeden Jahrgang mit seiner Jury, und die frühen Einträge sind kurz. Für 1988 steht dort ein einziger Preisträger, ausgewählt von 7 Jurymitgliedern. 1989 wurde kein Jahresspiel gekürt, sondern ein „As d’Or-Jeu de la décennie“ an Abalone vergeben — eine Auszeichnung für 10 Jahre statt für eines, die es so nur einmal gab. 1995 entschied eine Jury aus 7 Personen über einen Titel von Dominique Ehrhard. Aufgeteilt in 4 Kategorien wurde erst viel später.
Den deutschen ähneln die Zulassungsregeln und weichen in Einzelheiten ab. Das Spiel muss zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember des Jahrgangs auf dem französischen Markt erschienen sein, Regeln und Bestandteile müssen auf Französisch vorliegen, die Fassung muss die endgültige sein. Erweiterungen und Neuauflagen sind ausgeschlossen, Solospiele zugelassen, Videospiele, Rollenspiele und Sammelkartenspiele nicht. Eine Bedingung hat kein deutsches Gegenstück: Die Namen der Autorinnen und Autoren sowie der Illustration müssen auf der Schachtel stehen.
Der entscheidende Unterschied steht unter „Je participe“. Dort wendet sich die Seite direkt an den Verlag: Er soll den Jurymitgliedern eine Mail schreiben und ihnen die Zusendung seines Spiels anbieten; möglicherweise kennen sie es schon und melden sich dann von sich aus. In Deutschland fragt die Jury an, in Frankreich bietet der Verlag an. Das ist dieselbe Bewegung in die Gegenrichtung.
Vereinigte Staaten: ein Wettbewerb, 10 Exemplare, Hunderte Stimmen
American Mensa vergibt seit 1990 das Siegel Mensa Select. Vergeben wird es im Rahmen des Wettbewerbs Mind Games, bei dem sich an einem verlängerten Wochenende Hunderte Mitglieder treffen, neue Spiele spielen und abstimmen. Ausgezeichnet werden 7 Titel je Jahrgang, dazu gibt es eine zweite Stufe unter dem Namen „Recommended by American Mensa“.
Der Weg dorthin ist ein Wettbewerb im Wortsinn: Der Hersteller meldet sein Spiel an. Nach der Zulassung muss er 10 vollständige Exemplare und 15 zusätzliche Sätze gedruckter Anleitungen liefern, samt allem Spielmaterial einschließlich Batterien. Weitere Hürden nennen die Teilnahmebedingungen: keine Video-, Elektronik- oder App-pflichtigen Spiele, durchschnittliche Spieldauer höchstens 90 Minuten, landesweite Erhältlichkeit, geeignet für Minderjährige.
Das Zulassungsfenster ist weit und genau datiert: Für den Wettbewerb 2027 zählen Spiele, die zwischen dem 1. April 2025 und dem 1. April 2027 in den Vertrieb gehen — 24 Monate. Crowdfunding-Titel sind zugelassen, wenn die Auslieferung in diesem Zeitraum begann. Eine englische Erstausgabe eines zuvor nur fremdsprachigen Spiels darf antreten, eine Neuauflage mit bloß kosmetischen Änderungen nicht. Und jedes Spiel darf nur ein einziges Mal in seinem Leben antreten.
Bemerkenswert ist, wie offen der Nutzen beschrieben wird. Auf der Seite zum Siegel heißt es, prominent auf der Verpackung platziert verleihe es dem Spiel sofort Glaubwürdigkeit beim Verbraucher und bestärke dessen Kaufentscheidung. Eine deutsche Jury würde ihren Preis kaum so bewerben; der Unterschied liegt nicht in der Wirkung, sondern darin, ob man sie zum Verkaufsargument macht.
Noch ein Detail gehört hierher, weil es uns selbst betrifft: Auf der Preisträgerseite steht der Hinweis, dass American Mensa am Kauf über die dortigen Links mitverdienen kann. Der Auszeichnende verdient also am Ausgezeichneten mit. Wir arbeiten auf diesem Portal mit Partnerlinks und müssen dieselbe Frage beantworten. Wie wir das halten, steht im Kapitel zur Finanzierung.
Ausgezählt haben wir auch die Jahrgangsliste auf derselben Seite: Sie reicht von 1990 bis 2026 und führt 36 Jahrgänge, weil 2020 fehlt. Einen Grund für die Lücke nennt die Seite nicht, und wir behaupten keinen.
Drei Länder, drei Antworten auf dieselbe Frage. In Deutschland fragt die Jury das Muster an, in Frankreich bietet der Verlag es an, in den Vereinigten Staaten meldet der Hersteller sein Spiel an und schickt 25 Pakete Material. Für Österreich und die Niederlande war am Erhebungstag keine erreichbare offizielle Quelle verfügbar; ohne eigene Quelle steht hier nichts dazu.
Das orangefarbene Siegel und seine zwölf Fragen
Der Verein spiel gut sitzt in Ulm und ist 24 Jahre älter als der Spiel-des-Jahres-Verein. Gegründet wurde er am 28. November 1954, am Eröffnungstag einer Ausstellung im Ulmer Museum, als „Arbeitsausschuß Gutes Spielzeug e.V.“; 1979 änderte er seinen Namen in „spiel gut Arbeitsausschuß Kinderspiel + Spielzeug e.V.“. Das orangefarbene Signet entwarf Otl Aicher, damals Dozent und Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm.
Vorausgegangen war ein Seminar an der Ulmer Volkshochschule, das 12 Grundsätze für die Beurteilung von Spielzeug erarbeitete. Vergeben wurden erste Auszeichnungen 1955. Heute nennt der Verein einen Umfang von rund 600 begutachteten Spielsachen im Jahr, für Kinder von 0 bis 14 Jahren, von der Babyrassel bis zum Experimentierkasten.
Jene Ausstellung, an deren Eröffnungstag der Verein entstand, lief vom 28. November 1954 bis zum 6. Januar 1955 im Ulmer Museum; die Ausstellungsarchitektur stammte ebenfalls von Otl Aicher. Unter den Mitgliedern des Jahres 1955 führt der Verein Max Bill von der Hochschule für Gestaltung und Mia Seeger vom Rat für Formgebung. 1980 ging die Wanderausstellung als Dauerausstellung nach Japan. Das Siegel ist damit 72 Jahre alt und 25 Jahre älter als der Pöppel.
Begutachtet wird nach einem Fragenkatalog, den wir auf der Siegelseite ausgezählt haben: 12 Fragen, von „Ist das Spielzeug für die empfohlene Altersgruppe geeignet?“ über Fantasie, Spielmöglichkeiten, Gestaltung, Größe, Menge, Konstruktion und Haltbarkeit bis zu Sicherheit, Nachhaltigkeit und den Anleitungen. Dazu kommt eine Erprobung mit Kindern in Familien oder Kindertagesstätten. 12 Grundsätze im Gründungsjahr, 12 Fragen heute — ob das dieselbe fortgeschriebene Liste ist, sagt die Seite nicht, und wir behaupten es nicht.
Zwei Unterschiede zum Pöppel sind für den Kauf erheblich. Erstens die Reichweite: spiel gut beurteilt Spielzeug aller Art für Kinder, der Spiel-des-Jahres-Verein beurteilt Gesellschafts- und Brettspiele ohne Altersobergrenze. Zweitens die Finanzierung: Bei spiel gut ist die Begutachtung für den Hersteller kostenlos, der Verein finanziert sich über den Verkauf seiner Ratgeber und eine Schutzgebühr für das Siegel und wird vom Bundesfamilienministerium unterstützt. Er ist gemeinnützig — der Spiel-des-Jahres-Verein ist es nach eigener Angabe nicht.
Ein Satz auf der Kriterienseite gehört ausdrücklich hierher, weil er dieselbe Grenze zieht wie unsere Trennung von Warnhinweis und Empfehlung: Aktuelle Sicherheitsnormen müsse der Hersteller vor der Begutachtung bestätigen, sie seien aber „keine Qualitätsgarantie, sondern betreffen lediglich die in Normen festgelegten Sicherheitsanforderungen“. Ein Siegel für Spielwert und ein Zeichen für Sicherheit sind zwei Dinge — und der Verein, der das Siegel vergibt, sagt es selbst.
Die These: Das Signet sagt mehr über den Jahrgang als über das Spiel
Diese These stand im Bauplan dieser Seite, bevor die Recherche begann. Sie sollte geprüft und im Zweifel als widerlegt gekennzeichnet werden. Geprüft wurde sie an drei Befunden, und sie hält — aber nicht in der zugespitzten Form, in der wir sie aufgeschrieben hatten.
Erster Befund: die Laufzeiten. Ein Siegerspiel darf den Pöppel unbegrenzt tragen, ein nominiertes drei Kalenderjahre, ein empfohlenes zwei Jahre. Der Verein begründet das mit der Gefahr einer „Labelflut“, die Übersicht und Charakter der Empfehlung zerstören würde. Ob ein Zeichen im Regal klebt, hängt damit nachweislich auch davon ab, wie viele Jahre seit der Entscheidung vergangen sind — und davon, ob der Verlag einen Lizenzvertrag abgeschlossen hat.
Zweiter Befund: zwei Jurys, ein Jahrgang. 2026 haben die deutsche und die französische Jury über teils dieselben Titel entschieden. Die Insel der Mookies gewann in beiden Ländern in der Kinderkategorie. Rebirth gewann in Deutschland das Kennerspiel und war in Frankreich in der Hauptkategorie nominiert, ohne zu gewinnen. Und Toy Battle, in Frankreich Hauptpreisträger, steht in Deutschland auf der Empfehlungsliste — der dritten Stufe. Take Time ebenso: in Deutschland Empfehlungsliste, in Frankreich Nominierung in der Kategorie Initié.
Dritter Befund: die Restmenge. Definitionsgemäß ist die Empfehlungsliste das, was von der Longlist übrig bleibt. Wie viele Titel darauf stehen, hängt also davon ab, wie groß die Longlist ausgefallen ist — 2026 waren es 6 Titel beim Hauptpreis, 3 beim Kinderspiel, 4 beim Kennerspiel. Dasselbe Zeichen bedeutet damit in verschiedenen Kategorien eine unterschiedlich harte Auswahl.
Die Gegenprobe. Was die These nicht trägt, ist die Unterstellung von Beliebigkeit. Beide Jurys legen ihr Verfahren offen, beide entscheiden über ihren eigenen Markt mit eigenen Zulassungsregeln, und die französische Jury durfte Rebirth gar nicht im selben Sinn bewerten wie die deutsche, weil die Kategorien anders geschnitten sind. Nicht Willkür ist die Abweichung, sondern Folge unterschiedlicher Fragen. Präziser formuliert lautet die These deshalb: Ein Signet gibt die Entscheidung eines bestimmten Gremiums in einem bestimmten Jahr über einen bestimmten Markt wieder. Es ist ein Urteil mit Datum, keine Eigenschaft des Spiels.
Was ein Signet im Laden tatsächlich leistet
Nach allem, was hier steht, bleibt eine kurze Liste dessen, was der Pöppel verlässlich aussagt. Er sagt: Dieses Spiel hat 5 formale Bedingungen erfüllt, es lag allen Jurymitgliedern vor, es hat mindestens eine Mehrheitsabstimmung gewonnen, und der Verlag hat einen Lizenzvertrag abgeschlossen. Das ist mehr, als die meisten Zeichen auf Verpackungen aussagen.
Er sagt nicht: dass das Spiel zu Ihrer Runde passt. Unsere 5 Hauptpreisträger auf der Zeitleiste reichen von 2 bis 7 Personen und von rund 30 bis rund 75 Minuten. Zwei Titel mit demselben Zeichen können völlig verschiedene Abende ergeben, und das Zeichen unterscheidet sie nicht.
Er sagt auch nichts über die Dinge, die wir in diesem Themenbereich messen: Teilezahl, Schachtelmaß, Umfang der Anleitung, Tauglichkeit zu zweit. Erhoben werden diese Größen von der Jury nicht, und sie behauptet das auch nirgends. Wer wissen will, ob eine Anleitung zumutbar ist, findet die ausgezählten Werte bei den ausgezählten Familienspielen, nicht auf der Schachtel.
Am nützlichsten ist das Zeichen dort, wo die Jury es hinhaben will: als Einstieg für Menschen, die im Angebot nicht zurechtkommen. Wer 2 oder 3 Spiele im Haus hat und ein viertes sucht, fährt mit einem ausgezeichneten Titel selten schlecht. Wer 30 Spiele im Regal hat und ein bestimmtes Loch füllen will, bekommt vom Pöppel keine Antwort auf seine Frage.
Und eine praktische Regel für den Blick am Regal: Zusatz lesen. „Spiel des Jahres“, „Nominiert zum Spiel des Jahres“ und „Kinderspiel des Jahres“ sehen aus drei Metern identisch aus und trennen drei sehr verschiedene Aussagen. Klein ist die Schrift unter dem Kegel, aber sie ist der ganze Unterschied.
Dieselbe Frage stellt sich bei jedem Zeichen auf einer Verpackung, und sie fällt je nach Zeichen anders aus. Bei einer Norm lässt sie sich im Normtext nachschlagen — wir haben das für Schulranzen an der Norm zur Sichtbarkeit getan, wo hinter dem Signet Prozentwerte für Flächen stehen. Bei einem Jurypreis gibt es keinen solchen Text; es gibt ein Verfahren, eine Abstimmung und ein Datum. Wer beides gleich liest, liest eines von beiden falsch.
Was von dieser Einordnung bleibt
Der Preis ist älter als fast alles, was heute im Spieleregal steht, und er ist von Anfang an so gebaut, dass die Abhängigen draußen bleiben. Das ist die Antwort auf die Frage, wer diese Jury eigentlich legitimiert — eine Frage, die der Verein selbst stellt und lakonisch beantwortet: Niemand habe ihr das Recht gegeben, sie habe es sich selbst geschaffen, indem sie den Preis gründete. Getragen wird das seither vom Vertrauen des Publikums, nicht von einer Verleihungsurkunde.
Dieselbe Selbstermächtigung steckt in jedem Siegel, das kein Gesetz kennt — und davon gibt es im Kinderzimmer mehr als eines. Welche Themenbereiche wir daraufhin bereits geprüft haben, steht in der Übersicht zu Spielen und Kreativität.
Am nüchternsten ist eine Zahl dieser Seite: 3,9 Prozent. So groß war der ausgewählte Teil des Jahrgangs 2026 — 22 Titel aus 571 gesichteten Neuerscheinungen. Alles, was nicht ausgezeichnet wurde, teilt sich in fünf nicht unterscheidbare Gründe auf, von denen „hat nicht gefallen“ nur einer ist.
Wir sind bei dieser Recherche auf einen Satz gestoßen, der unsere eigene Arbeit besser beschreibt, als wir es getan hätten. Die Jury betreibe „keine Tests, bei denen man mit dem Klemmbrett Kriterien abhaken“ könne. Genau das tun wir: Wir zählen Teile, messen Grundflächen und rechnen Wörter je Minute. Das ersetzt kein gespieltes Urteil, und ein gespieltes Urteil ersetzt keine Messung. Wer beide Quellen nebeneinanderlegt, sieht mehr als mit einer.
Bleibt der Blick aufs Regal. Ein Kegel mit Lorbeerkranz heißt: Hier hat 2026, 2011 oder 1979 eine Gruppe von Menschen abgestimmt, und die Mehrheit war dafür. Das ist eine ordentliche Auskunft. Sie ist nur etwas anderes als die Auskunft, die man beim Kauf eigentlich sucht — und die steht in der Anleitung, auf der Rückseite und in der Teileliste.
Was diese Seite nicht leisten kann